Sehr genau wußte ich, daß sich diese Schmeichelei nicht auf ein unerhört jugendliches Aussehen, sondern auf einen glühend roten Teint bezöge. Blendender Schnee, starke Anstrengung, scharfe Luft und leuchtende Sonne machen in wenig Tagen aus der zartesten Haut – die ich natürlich sonst habe! – ein Burgunderpergament. »Wie kann man nur,« sagten meine Münchener Freunde, »grade zur Faschingszeit! Wo S' am Montag zum Bühnenball wollen!«

Ich fürchte, es wird weder etwas mit dem Bühnenball noch mit einem andern. Denn außer einem Rote-Grütze-Teint bringe ich ein stark lädiertes Bein mit heim, das sich der kräftigste Herr des Kurses als Stützpunkt bei einem Fall ausersehen hat. Aber was tut das alles? Können die gestörte Schönheit oder ein verrenktes Körperglied ins Gewicht fallen gegen diese köstlichen, frohen Tage unter Zdarskys Leitung? Was dieser Mann mit 159 Personen, von denen die meisten blutige Anfänger in der hohen Kunst des Skifahrens sind, in wenig Tagen macht, wie er vor allem aus einer disziplinlosen Masse mit allen bösen Instinkten der Menge, als da sind: Ungehorsam, Unbotmäßigkeit, Widerspruch, Besserwissen usw., einen wohlgeschulten, gefügigen Körper ausbildet, der ihm aufs Wort gehorcht und immer mehr einsieht, welch ungeheure Nächstenliebe und Aufopferung dazu gehört, monatelang in jedem Winter ohne den geringsten Entgelt außer dem Dank der »Säuglinge« Hunderte mehr oder minder Geschickter anzulernen, das ist erstaunlich. Und scheint mir bei aller hohen Achtung vor der Kunst und dem selten vielseitigen Wissen dieses Mannes das bewundernswerteste. Es ist geradezu spaßhaft zu sehen, wie zahm auch die Kecksten werden; und wie man selbst auch nicht auf den Gedanken käme, irgend etwas anderes zu machen, als er es in unermüdlicher Geduld »vorturnt«. Dies genaue, schulgemäße Wiederholen aller Übungen tut auch dem Vorgeschrittenen gut – weshalb ich nur jedem raten kann, von Zeit zu Zeit einmal wieder an einem Kurs teilzunehmen – denn nur zu leicht wird man bei kürzeren Touren und gutem Schnee gegen viele Regeln gleichgültig und hat dafür in Ernstfällen zu leiden. Zdarskys Methode, die ja nur den Zweck verfolgt, Bergtouren im Winter zu ermöglichen, verlangt eben eine exakte Ausführung ihrer auf gründlichster Erfahrung und Berücksichtigung aller vorkommenden alpinen Verhältnisse aufgebauten Gebote. Da darf man sich gern einmal wieder als »Säugling« betrachten, wie er seine Schüler mit Vorliebe benennt, und sich in Reih und Glied mitaufstellen, um seinen militärisch gegebenen Kommandos präzise zu folgen. Für den vierten alpinen Ski-Kurs, der »heuer« vom 14. bis zum 21. Januar stattfand, war ein herrliches Gelände ausersehen, nämlich das um Oberammergau. Mit seinen mäßigen Hügeln, die auch dem Anfänger Mut zum »Stemmfahren« und »Stemmbogenfahren« machen, und den schönen Bergen für die üblichen Touren der letzten Tage, wäre es »ideal« gewesen – falls sich ein besserer Schnee vorgefunden hätte. Ich muß sagen, daß ich mir recht lächerlich vorkam, als ich vor acht Tagen mit voller Skiausrüstung die Reise zum Passionsdorf antrat und immer weiter in eine grünende Landschaft hineingeriet, über der schon Frühlingshoffnung zu schimmern schien. Von Schnee ka Spur! Ein Hamburger, der eigens zum Kurs aus seiner nebligen Stadt herunterkam – es sind übrigens Teilnehmer aus ganz Deutschland und Österreich vorhanden – kehrte schleunigst wieder um, angesichts des bißchen Rauhreifs, der da und dort in den Wäldern hing. Der ungläubige Thomas mag sich stark ärgern, wenn er nun erfährt, wie schön es besonders in den ersten Tagen war: köstlichster Pulverschnee, in dem sich die Stemmbögen wie von selbst schlugen. Nun freilich ist der Schnee bei starker Sonne am Tage und Frost des Nachts verharscht, und das »Abfahren – marsch!« löst keine reine Freude in der Seele auch des charakterfestesten Skifahrers mehr aus. Z. B. gestern, die erste Tagestour zum Laber-Joch hinauf. Zdarsky schont seine »Säuglinge« nicht. Mit größtem Geschick wählt er seinen Weg so, daß alles, was man gelernt hat: Hindernisse nehmen, Zäune überklettern, Bäche durchwaten usw., angewendet werden muß. Dann heißt's plötzlich: »Abschnallen«, und über eine Stunde hat man die Skier auf der Schulter einen steilen, vereisten Hohlweg emporzutragen. »Das zieht hin«, sagt man bei uns im Norden. Dann wieder: »Anschnallen«, und die freundliche Erlaubnis, nun eine Viertelstunde auf den Skiern auszuruhen. Aber die Sonne glitzert auf dem blauweißen Schnee, die Gipfel ringsum funkeln im Licht, wolkenlos spannt sich der Himmel über den Wäldern – da kommt mit dem ruhigeren Atem die Freude an all dem Schönen zurück – und das Vergnügen, mit frischen, gesunden Menschen zusammen zu sein, bei denen die Liebe zur Natur und zum Sport einmal glücklich alle kleinlichen eitlen Regungen ausgelöscht hat. Darauf geht's tapfer bergauf mit der Devise: »Spurhalten«, bis ein schöner, sonnenbeschienener Platz erreicht ist: »Eine Stunde Rast«. Ein Rieseneifer entwickelt sich; genau nach Vorschrift wird im Schnee ein Platz ausgetreten, die Skier dienen als Sitz, die Fäustlinge werden zum Wärmen über die Fußspitzen gezogen – wer ein Zdarsky-Zelt besitzt, zieht es mit zwei Griffen um sich her, andere suchen im Freien einen geschützten Punkt, um unter dem mit Schnee gefüllten Kochapparat den famosen Zdarsky-Brenner anzünden zu können. Ein lustiges Lagerleben entwickelt sich blitzschnell, Obst und Süßigkeiten werden ausgetauscht, nach dem alten Grundsatz, daß Fremdes immer besser schmeckt als das eigene. »Und die Photographen arbeiten fieberhaft.« Kocher sind bekanntlich dazu da, um im letzten Moment umzustürzen. Trotz des Vorwurfes meines Hochtouristen, ich hätte den Apparat »natürlich« falsch aufgestellt, nämlich nach genauer Vorschrift auf den flachgelegten Skiern, kochte mein Teewasser beinahe, und ich verschüttete nur ein Viertel des Inhalts. Nun übernahm er die Wacht – Männer können bekanntlich alles besser – auch kochen! – tat mit Riesenwichtigkeit gleich Zucker und Teekonserven in die schmelzende Masse, und sagte: »Wer mir nun an den Skier stößt, den –« Es kochte – und auf die Sekunde warf er den ganzen Apparat um! »Es ist leichter, Tee zu trinken als zu bereiten«, sagte ein Nachbar gefühllos und trank die mitgebrachte Flasche leer, während wir auf den braunen Teefleck im reinen Schneetischtuch starrten. Ich glaube, es ist einerlei, welchen Kocher man besitzt; sie besitzen alle dieselbe Eigenschaft, erst umzufallen, sobald es kocht.

»Anschnallen!« Die Rucksäcke werden gepackt und »modelliert«, damit sie nicht drücken, und weiter geht's, bis sich die Talmulde vor uns weitet. Lawinenstürze durchfurchen die weißen Hänge, und ruhig, von Zeit zu Zeit den Schnee prüfend, legt der stets voranschreitende Hirt eine flache Spur an, die allmählich, in langen Serpentinen, die Herde empor zum Joch führt. Mehrmals kreuzen wir die Lawinen, aber da ist niemand, dem auch nur ein Bedenken aufsteigt. Aus den Vorträgen, die Zdarsky allabendlich von acht bis zehn Uhr hält, und in denen er alle Themata, die dem Skifahrer wichtig sind, berührt, angefangen von der Haut- und Körperpflege, der Kleidung bis zu den alpinen Gefahren, weiß man, wie vertraut diesem Mann die Schnee- und Eisverhältnisse sind; unbedingt überläßt man sich seiner Führung. Eine lange Kolonne, noch immer über hundert Personen – die anderen sind aus irgendeinem Grund von dieser Tagespartie abgefallen – steigt aufwärts, »wendet« an den Kehren, eine Prozedur, deren glückliches Gelingen am Hang mehr als sonst irgendein menschliches Tun vom Zufall abhängig ist, und blickt sehnsuchtsvoll zum Joch hinauf: noch zwei Stunden, bis man jenseits in die Ebene hinabschauen kann – noch anderthalb – noch eine – da heißt es: »Halt!« Gute Läufer gebrauchen noch dreiviertel Stunden bis »hihnauf« – mit dem Gros der Säuglinge, dem Zeitverlust an den Kehren, würde es noch fünfviertel Stunden dauern. Es geht nicht, man käme in die Nacht hinein. Wer sich dazu imstande fühlt, mag den Aufstieg versuchen – für die übrigen heißt es »abfahren«. Aber wie?! Der Schnee ist tellerbrüchig, d. h. er bricht in großen, harten Stücken bei jedem Tritt ab; deshalb ist Stemmfahren unmöglich, ebenso »Reitsitz«. Bleibt nichts übrig, als die Spur einfach zurückfahren. Nun, das geht schneller als das Bergauf, ist nicht gerade das Ideal der Abfahrt und zeitigt auch noch viele Stürze. Durch den Wald geht's schöner als am Berg und gestattet zum Teil sogar Stemmbögen. Am Hohlweg wird man zum »Reitsitz« eingeladen. Mir scheint es eine vortreffliche, wenn auf die Dauer auch nicht angenehme Massage für den ganzen Körper. Am Schluß weiß man, wo jeder Knochen sitzt und jede Muskel angewachsen ist. Die von der Kleidung verdeckte Haut sticht überhaupt nach diesen Tagen von der roten des hehren Antlitzes ab; denn sie ist – nicht weiß, o nein, sondern blau und grün. Ein rosiger Abendhimmel liegt über dem stillen, kleinen Dorf zu unseren Füßen; die Glocken läuten schon den Sonntag ein. Man ist daheim; glücklich und ziemlich heil. Und morgen geht's fort. Eins hat nur gefehlt: Neuschnee. Aber der Mensch darf nicht alles wollen! – Von niemand besser als von Zdarsky, diesem seltsamen, großen Menschen, kann man ja Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit lernen. Das ist ein Extrageschenk an seine »Säuglinge« – ein größeres noch als seine Kunst, die uns die Herrlichkeiten des Wintergebirges erschließt.

Die erste »Ausfahrt«.

»Na ja«, sagte ich, zwar nicht ganz überzeugt davon, daß es für mich auf dem Übungshügel, zu dem wir täglich einen etwas steileren ausgesucht hatten, nichts mehr zu lernen gäbe, und daß ich meine Kenntnisse nun im Gelände erproben müsse, aber doch nachgiebig, um nicht in den Geruch der Feigheit zu kommen – dieser Eigenschaft, die jeder Berechtigung zu irgendeinem Sport sofort Grund und Boden abgraben soll. Und bis dahin hatte ich Mut bewiesen, viel Mut; nicht nur darin, daß ich gleich versucht hätte – was ja alle anderen auch müssen! – auf den unzuverlässigen langen Holzschuhen von einem Abhang in die Tiefe zu gleiten, sondern daß ich nach den Tausenden von Stürzen, von denen meine Übungen während einer ganzen Woche unterbrochen worden waren, mich immer von neuem erhob, meine Glieder einrenkte und unverdrossen wieder bergauf stieg, als sei mir nicht das geringste passiert.

Und doch herrschte nur eine Stimme darüber, daß ich im Fallen den Rekord erreicht habe! Ich kann nicht behaupten, daß mein Lebensziel: irgendwo und bei irgendeiner Leistung einmal die erste zu sein, sich gerade auf das Hinfallen konzentriert hätte, aber es scheint, daß man nicht nach der Art des Wunsches gefragt wird – eines Tages wird er einem erfüllt, und es bleibt nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. – Ich konnte jetzt aber nicht nur hinstürzen, sondern besaß die hohe Kunst der alpinen Technik, d. h. ich konnte »Stemmbogen« fahren, war mithin in der Lage, jeden Abgrund nicht von vornherein kopfüber, sondern erst nach verschiedenen Bogenlinien hinunterzusausen – denn daß man zum Schluß nicht hinfällt, das soll eigentlich nur Ausnahmemenschen passieren. Zu denen gehöre ich in keiner Beziehung.

Den Rucksack auf dem Rücken, den Bambusstock nach Lilienfelder Art (nicht die zwei schwedischen Zündhölzer nach Norweger Manier!) in der mit dickstem Fausthandschuh versehenen Rechten, so zogen wir also eines wirklich schönen Morgens bei 10 Grad Minus und prachtvollem Rauhreif von Neuhaus bei Schliersee durchs Josephstal bergauf. Vorläufig zogen wir auch die Skier am Tragriemen hinter uns her, denn eine steile, glatt gefahrene und -gefrorene Straße mit scharfen Kurven frißt die Kräfte zu sehr; man überwindet sie lieber mit Nagelschuhen! Um so schöner muß nachher die Abfahrt auf ihr sein. Wenigstens behauptete das mein über die Anfangsstadien des Skisports hinausgewachsener Hochtourist; und ich glaubte ihm natürlich. Wir Frauen haben trotz aller modernen Regungen noch immer viel Respekt vor männlichen Aussprüchen, und eine »blutige Anfängerin« tut außerdem am besten, blindlings den Worten eines Erfahrenen zu glauben. Das sagte der Hochtourist auch nicht ein-, sondern mehrmals.

Ich wanderte versonnen dahin, zögerte zuweilen an besonders schwierigen Stellen und war von Herzen dankbar, daß sie durch Geländer versichert seien. Nicht gerade für mich – aber mancher Unfähige konnte an diesen unbehaglichen Kurven doch leicht Schaden nehmen! An anderen Biegungen beschloß ich, den sich etwas unverschämt in den Weg drängenden Granitfelsen mit graziöser Schlängelung auszuweichen – kurzum, der Wald, der mit uns bis zum Spitzing-Sattel emporstieg, und ich, wir wurden recht gute Freunde, und ich empfand wieder einmal tief, daß es mir gegeben ist, schnell zu der mich umgebenden Natur ein Verhältnis zu finden.

»Gott sei Dank,« sagte der Hochtourist, als wir oben am zugefrorenen Spitzingsee eine kleine Rast machten, »daß die Alm oben bewirtschaftet ist! Der Proviant wiegt doch immer tüchtig – heute fühlt man den Rucksack kaum.« – Ich widersprach nicht, obgleich die Toilettesachen einer Frau immer etwas reichhaltiger sind, mag sie auch fast alle Ansprüche auf Luxus im Tal gelassen haben, und ich willigte ein, da es von nun an doch bedeutend steiler wurde, meinen Kleiderrock und mein Jackett mir noch in den Rucksack packen zu lassen. In Beinkleidern bewegt man sich bedeutend leichter, und warm genug würde es mir ohnehin schon werden!

Dies ist die einzige Prophezeiung, die eingetroffen ist! Sogar siedend heiß wurde mir, als ungefähr nach einer halben Stunde auf einem sehr schmalen, am steilen Hang entlang führenden Fußsteig der Schnee unter meinem linken Ski nachgab und ich nach meiner Meinung unaufhaltsam in die Tiefe kollerte. Ich schrie um Hilfe, ließ meinen Stock fahren, fiel immer tiefer in den Schnee, so daß ich weder wußte, wo meine Beine, noch wo meine Arme seien und musterte angstvoll die Bäume, um den zu entdecken, an dem ich zerschellen würde. Sie sahen alle gleich erwartungsvoll aus, und in meine Todesangst hinein sagte von oben die Stimme meines Hochtouristen: