»Erstens läßt man sich nicht hinunterkollern, sondern stemmt sofort den Stock vor den Skiern ein; zweitens haben Sie vergessen, sich quer zum Hang zu drehen, drittens – –«
Meine aufwallende Empörung gab mir die Kraft zum Sprechen zurück: gab man einem in Todesangst Schwebenden gute Lehren? Durfte noch von irgendwelchen Theorien die Rede sein, wenn höchste Gefahr im Verzuge war – schien es christlich oder auch nur menschlich denkbar, einem Verlorenen nicht beizuspringen –? – »Fällt mir gar nicht ein! Sie sind auch nicht in Todesgefahr: schauen Sie sich nur um, kaum zwei Meter sind Sie abgerutscht! Und das erste Prinzip beim Skifahren ist: niemand zu helfen –«
Selten im Leben habe ich solch eine Verachtung für einen Menschen empfunden. Er und seine Worte waren Luft für mich! Entgegen allen Lehren, sogar denen, die ich mir schon angeeignet hatte, krabbelte ich nach eigenem Ermessen, das natürlich bedeutend mehr anstrengte und mehr Zeit in Anspruch nahm, auf den Weg zurück.
Mein Hochtourist ignorierte mein Schweigen; mit der Beredsamkeit, die auch dem ruhigsten Sportsmann eigen ist, sobald er auf sein Gebiet kommt, schilderte er mir die zahllosen Möglichkeiten und Errettungen bei einem Absturz, illustriert durch mehr und minder passende Beispiele. An mir prallte alles ab; wie die andern sich retteten, mit welcher Umsicht, mit wieviel Energie, das galt mir nichts mehr. Mein Unfall hatte mir jedenfalls gestattet, einen Einblick in das alpine Herz meines Begleiters zu tun – und ich fand es stark verroht! Wenn der Sport dazu dienen soll –!
»Nun kommt die erste größere Abfahrt im Gelände,« ordentlich begeistert klang seine Stimme, »nun sollen Sie mal beweisen, was Sie gelernt haben!«
Ich –? Nichts! Ich würde es nicht können, ich bekam Platzfurcht, die Tannen mit ihren schneebedeckten Zweigen drehten sich vor mir, der Himmel verwandelte sein Kobaltblau in ein giftiges Grün – – –
»Wenn's ›Übungshügel‹ hieße, nachher wären Sie schon drunten! Und gar, wenn der Herr Lehrer dabei wäre oder die andern Anfänger –! Nur weil's eben 'was Neues ist, sind Sie feige –« – Mein Gott, war ich das wirklich?! Ich maß die Höhe ab, sie war geringer als all meine letzten Probiergegenden, ich sah auf meine Skier, ich biß die Zähne aufeinander und lehnte mich vornüber – – es ging nicht.
»Also nachher fahren S' da in die Wiesen 'nein und dann auf mich zu, im Bogen! Aber nicht nach links, denn da ist ein tiefes Loch – – –«
Ich fuhr geschwind und mit aller Gewalt in das tiefe Loch.
»Das haben Sie ja nur gewollt«, sagte ich zu meinem Hochtouristen. Und dann fuhren wir als Todfeinde in ziemlicher Entfernung voneinander zur Fürstalm hinunter.