Aber gemeinsames Leid, vor allem gemeinsames Schimpfen verbindet ungeheuer; es gab keinen Bissen Brot mehr in der Fürstalm, die Sonntagsgäste hatten alles verzehrt, und was noch übrig gewesen war, eine Abteilung Soldaten, die von ihren Offizieren im Sport unterrichtet wurden. Wir konnten froh sein, eine Tasse dünnen Kaffees und ein paar gesottene Eier zu bekommen – dafür saßen wir draußen in der schönsten strahlenden Sonne. Vor uns lag der Berg, den wir uns ausersehen hatten: der Stümpfling.
»Nur noch dreiviertel Stunden – bis dahinauf zu seiner runden Kuppe?!« Nein, ich wollte nicht hinauf, ich wollte überhaupt nur abfahren und den Sport ein für allemal aufgeben. Mir machte er keinen Spaß, das hatte ich heute erfahren, immer nur fallen, abstürzen, sich ängstigen – – –
Bis ich meinen Kaffee getrunken hatte. Und die merkwürdig frischen Eier gegessen – Eier, wie sie in München nur noch in alten Märchen vorkommen. Aber so dicht vorm Ziel umkehren – das ist wirklich feige! Und was ich mir im Leben vorgenommen und angefangen habe, das führe ich immer durch. Ein Prinzip muß der Mensch doch haben.
Ich ließ mich nicht auf Erörterungen ein, ich sagte nur: »Ich gehe doch hinauf!« und schnallte meine Skier wieder an. Der Hochtourist lachte.
Wir trugen die Rucksäcke hinüber und deponierten sie im Schnee, um sie bei der Rückkunft wieder mitzunehmen. Und trotzdem ja meine Last kaum zu spüren sein sollte, konnte ich die dreiviertel Stunden überwinden, als seien mir Flügel gewachsen.
Der Stümpfling bietet eine ganz schöne Aussicht über die Schlierseer Berge, aber übermäßigen Genuß hatte ich nicht davon: Die Abfahrt – Herrgott, wenn nur die Abfahrt nicht gewesen wäre! – Bis zu den Rucksäcken ging's; sie leuchteten vertrauensvoll aus dem Schnee wie düstere, aber doch Anhaltspunkte gebende Sterne. Auch die für Anfänger so berühmte und gute Abfahrt bis zum Spitzingsattel wurde ohne besondere Katastrophen überwunden. Ein paarmal Kopfüberstürzen, mit dem Gesicht in den Schnee, oder bis an die Schultern einsinken – das sind nicht nennenswerte Kleinigkeiten! – Die Platzfurcht war merkwürdigerweise auch überwunden. Aber dann – die liebe Straße durch den Wald, mit den Kurven, die ich am Morgen schon sorgsam studiert habe – die hat's in sich! Und noch Stemmfahren, d. h. ein Bein im Winkel zum anderen stellen, wenn ohnehin die Kniee schon zittern, an dieser Kurve das Geländer zum Absturz, an jener ein vorspringender Granitfels zum Kopfzerschellen lockt, wenn der Schnee zum größten Teil vereist ist und man gerade, wenn man langsam fahren oder sogar bremsen möchte, in rasendste Geschwindigkeit gerät, das ist ein Kampf mit dem Objekt, zu dem schon gute Nerven und Ausdauer gehören. Ich sah ein, daß die Freundschaft für den Wald nur von meiner Seite aus empfunden wurde, und daß die Bäume, die Felsen, die Abhänge wie Feinde auf mich lauerten. Aber ich bin ihnen entkommen; zwar mit farbigen Merkmalen des Ringens am ganzen Körper, mit einem Teint, als hätte ich wochenlange Hochtouren hinter mir und dem Gefühl, als wäre der Ausdruck »mit heiler Haut« reichlich optimistisch gewählt. Trotzdem bin vorläufig doch ich der Sieger. Und den nächsten Berg, auf den ich mit Skiern steige, den habe ich mir schon ausgewählt!
Aus der Winterfrische.
Fast mehr noch als im Sommer wird dem zur Natur bekehrten Kulturmenschen plötzlich im Winter die Stadt mit ihren tausend Ansprüchen »z'wider«. Weihnachten und Silvester haben seinem Magen, seiner Börse und seinen Gefühlen den Rest gegeben, in jeder Hinsicht ist er übersättigt. Die letzten Krümel Marzipan, wie die mit Dankesworten kunstlos durchwebten Neujahrsbriefe bringen ihm einen bittern Geschmack auf die Zunge. Hinterher scheint es ihm, »daß es mal wieder nichts war«, wenigstens kein Jungbad der Freude, mehr ein Untertauchen im Fango – und seine Seele zieht aus, um einen reinen Sprudel zu suchen. Setze dich in die Bahn und fahre von München aus nach Süden, Ost oder West, das Gute, das Schöne, das Herzerquickende liegt so nahe, nur eines kleinen Ruckes der Energie bedarf es, um dir vorzustellen, daß der Fasching ebenso froh ohne dich sein wird, daß man auf Soupers und den berühmten – bequemen Nachmittagstees kaum nach dir fragen wird, daß Konzerte und Theater, die du dir ohne deine Gegenwart nicht vorstellen kannst, genau ihren guten oder peinlichen Verlauf ohne dich nehmen werden. Ach, lieber Gott! du ahnst nicht, wie überflüssig du bist, wie bedeutungslos deine Persönlichkeit – aber diese Erkenntnis, die dich daheim zuweilen heimlich grämt, so daß du beflissen bist, sie ängstlich vor dir selbst und anderen zu verstecken, hier draußen lächelst du über sie: hier bist du ja noch viel, viel weniger, ein Fleckchen, das die Sonne bescheint, ein Atom, das sich preisen muß, bescheiden in der Stille zu stehen und die Pracht nicht in ihrer Harmonie zu stören!
Einen weltabgelegenen Platz habe ich gefunden, an dem man nichts von der Eisenbahn hört noch sieht, vor dem sogar die altmodische Post auf ihren Schlittenkufen in einer knappen halben Stunde haltmacht. Im Schatten der entzückenden, von Meisterhand bemalten Wallfahrtskirehe von Birkenstein liegt das Haus, der Waldbach an seiner Seite murmelt leise in deinen Traum hinein. Der Nußhäher klopft mit starkem Schnabel ans Fenster und bittet um sein Frühstück, Buchfinken, Goldammer und zierliche Spechtarten durchzwitschern schon den Garten, der Zaunkönig lugt vorsichtig aus dem Buschwerk. Schlage deine Augen auf, trinke die Sonne ein, die durch die glitzernden Scheiben flimmert! – der Tag ist dein, dein die Welt, die Höhen, der Wald, die stillen Marterln am Wegrand, die stolze Majestät der makellosen Schneefelder! Schnell deinen Kaffee; der Raum ist erfüllt von jungen, gesunden Menschen, die mit Leib und Seele ihrem Sport huldigen, und bei deren frohem Anblick man sich sagt: »Gott sei Dank, noch ist Deutschland nicht verloren!« – Dann holst du dir deine Skier, prüfst mit geübtem Blick Bindung und Schrauben, trittst hinein, nimmst als einzige Last den Bambusstock sorglos unter den Arm, und nun fort, fort. Anfangs über glattgefrorene »Ziehwege«, von den schweren Holzschlitten mit ihrer nachschleppenden Last schön ausgefahren, dann seitwärts hinauf an einem Hang, der dich lockt, und immer weiter hinein in die verschneite Einsamkeit. Da oben liegt ein Gipfel, dessen weiche Konturen rosa überstrahlt sind, tapfer setzt sich ein Ski vor den andern in die Wunderwerke der kristallenen Decke, und ohne Atemnot, leicht und frei die kalte, köstliche Luft in die Lungen saugend, stehst du auf der Höhe, die Erde mit ihrer Herrlichkeit zu deinen Füßen. Unten im Tal wogt noch der Nebelkampf, in weißen Massen schiebt's sich an den Hängen entlang, nur blitzartig Dörfer, Kapellen, Wälder entschleiernd. Aber die Sonne lacht ob dieser Spielerei wie eine immer geduldige, nachsichtige Mutter, schrittweise, als wollte sie niemand wehtun, erobert sie sich das Feld – und plötzlich taucht wie neugeboren und unverhüllt das gewaltige Bild des Tales vor dir auf. Und du durftest wieder einmal dabei sein bei der Offenbarung vollendetster Schönheit – was kann dich noch treffen, dich niederdrücken mit einem Schatz solcher Freuden im Herzen?!
Nicht nur deinen Mut, deine Energie stählst du auf diesen stillen Fahrten in das wirkliche Märchenland, wahre Lebensfreude und -fähigkeit nimmst du mit fort als besten Teil! Und nun die Abfahrt. Lange Zeit hieß es: »Stemmfahren – stemmfahren – und nicht verzweifeln!« Endlich löste sich das Rätsel, und zwar nach Art der meisten Rätsel auf die einfachste Weise: alles Überlegen, alle Theorie erscheint überflüssig, hemmend – eben weil sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, und jeder bildet sich ein, diese zu alpinen Touren absolut notwendige Technik sich allein angeeignet und allein erfunden zu haben. Der »Meister« hier ist längst an die Ketzerei der Flüggegewordenen gewöhnt, er lächelt nur darüber. Man selbst fühlt sich verwachsen mit den langen, schlanken Eschenhölzern, nach Belieben setzt man sich in Bewegung, schlängelt sich in Serpentinlinien kreuz und quer durch den Wald hinunter und überläßt sich an freien Hängen dem Hochgenuß eleganter Stemmbogen, bald den Stock je nach der Wendung rechts oder links einsetzend, bald ihn bei ebenerem Terrain unterm Arm haltend. »Wer Stemmbogen fahren kann, beherrscht die Welt« – mindestens die winterliche, alpine; und wer zuerst mal ohne Sturz einen Hügel »besiegt« hat, kommt sich wie ein kleiner Napoleon vor. Freilich, mehr Mühe, als die Götter sonst vor den Erfolg gesetzt haben, braucht man zur vollkommenen Aneignung dieses »Sports des Fallens«, wie ich ihn anfangs voll Wut selbst getauft habe. Aber kaum ein anderer löst dafür solch eine Befriedigung aus, da er den Genuß sonst verschlossener Freuden im Winter ermöglicht.