Wenn Neuschnee fällt und es unaufhörlich vom grauweißen, kaum erkennbaren Himmel niederrieselt, gibt's zur Abwechslung frohe Rodelpartien. Daß man als Skifahrer dies Vergnügen verachten soll, ist ein törichtes Märchen; so einmal gedankenlos, flachliegend, nur an den Kurven mechanisch das Gewicht verteilend, in rasender Fahrt bergab zu fliegen, das tut außerordentlich wohl, und beim mühseligen Bergaufziehen des Schlittens muß man sich stoisch damit trösten, daß dies eben der gesündere Teil sei! Eine »Seeschlange« haben wir gemacht und alle rodelnden Jungen – und wer rodelte hier nicht, wo man seine Besorgungen, seien es Briefmarken oder Milch, mit dem Schlitten absolviert! – mit ihren Rodeln an den unserigen gebunden und so in langer Kette zu ihrem und unserem höchsten Gaudium zu Tal gefahren: »A Hetz' war's«, wie sie versicherten. Die kleinsten Kinder fahren hier von Höhen herunter – die Hände in den Muffen oder Hosentaschen, gelinde mit den Hacken ihrer winzigen, nagelbeschlagenen Schuhen steuernd –, bei deren Anblick Stadtmüttern alle Haare, falsche wie echte, zu Berge stehen würden. Hier sieht niemand hin, wenn sich ein paar der geborenen Sportsleute übereinanderkugeln, aber es weint auch keiner bei einem noch so derben Puff.
Wir sind aber nicht nur ländlich: gestern hatten wir einen Ball, beim Kramerwirt. Mit einer Musikkapelle auf dem Podium, einem mit Tannengirlanden geputzten Saal, und Blumensträußen aus München, die sich am seidenen Brusttuch der Vronis und Zenzis nicht schlecht ausnahmen. »Geschuhplattelt is worden« – und mit eisernen Mienen fanden sich die Tänzerinnen zu den Armen ihrer stampfenden, mit den Händen klatschenden Partner zurück. Der Tanz ist hier etwas sehr Ernstes, Würdevolles – niemand lacht, niemand spricht ein Wort dabei. Aber ist die Tour beendet, die im Laufe des Abends immer kürzer wurde, so traktiert »er« »sie« mit einem Trunk. Ich gestehe, daß ich etwas Kopfschmerzen habe, trotzdem ich nicht ein Achtel von den Musikern geleistet habe, die sich schließlich als gänzlich unabhängige Menschen entpuppten und nach eigenem Behagen und eigenem Takt ihren Part erledigten.
Ja, hier ist Freiheit, Schönheit, Lebensfreude! Es leben die Berge – es lebe der Winter!
Das Talbein.
Als Konny Bendemann ihr Fenster öffnete, um in ihr enges Zimmerchen die ihr anempfohlene Bergluft hereinzulassen, fesselte sie ein merkwürdiger Anblick: die ganze Straße, so weit sie nur sehen konnte, durchwanderte ein Zug schweigsamer Menschen, deren Köpfe von je zwei langen Hölzern überragt wurden, so daß ihre Erscheinungen aufrecht gestellten Riesen-Hirschkäfern glichen. Ach ja, heute begann der berühmte Kurs des Schneeschuhlaufens unter der Leitung des noch berühmteren Skiapostels, von dessen Künsten, auch den erzieherischen, man sich Wunder erzählte. Behaupteten doch seine Anhänger, daß es für die nach seiner Methode Fahrenden keinerlei Schwierigkeiten mehr gäbe, und ebenso, daß auch der Feigste steile Hänge spielend auf- und absteigen könne. Der Feigste! Konny schlug in Gedanken an die eigene Brust.
Nur eine Bergpartie hatte sie im Leben gemacht, zum Wendelstein hinauf; aber da sie sich beim Abstieg während eines Gewitters ungeheuer kläglich benommen hatte, so hatten ihre Bekannten geschworen, sie nie wieder mitzunehmen. Doch im Winter, wo auch Gewitter seltene Erscheinungen waren, da mußte es ganz herrlich sein, über den Schnee durch bereifte Wälder zu eilen und dann von oben abwärts zu sausen – z. B. von der Alpspitz drüben! Sie hatte ungefähr eine Vorstellung davon, als würde man über deren scharf abgeschrägten Rücken entlang geradenwegs zu Tal fahren können. Melancholischen Blickes verfolgte sie den Zug weiter: ja, wenn man nicht so allein wäre – wenn irgend jemand ihr zugeredet hätte – –.
Da rief eine übermütige Stimme zu ihr hinauf: »Geschwind, Fräulein! Sie werden ja sonst die Letzte – man immer vorwärts!«
Natürlich ein Norddeutscher: die hatten für ihre Ebenen ja auch diesen Sport besonders nötig, und bemerkbar machen mußten sie sich auch – wie immer! Dennoch freute sie der Gruß; und daß man als selbstverständlich annahm, auch sie würde sich beteiligen. – – Und weshalb denn nicht? Diese Menschen da, die noch immer paarweise an ihr vorüberzogen, kannten sich doch auch nicht alle, nur der Wunsch, dasselbe zu lernen, verknüpfte sie. Also – –. Und trug sie nicht auch Wickelgamaschen und Nagelschuhe und Mütze und Schleier zum fußfreien Kostüm?! Was fehlte, das waren die Skier – sollte an solcher Kleinigkeit das Unternehmen scheitern?
»Ich komme nicht zu Tisch«, rief sie im Vorbeilaufen ihrer Wirtin zu. Und eh' noch die Frau Deixlmair Protest einlegen konnte, weil nun doch das schöne »Ohchsenfleisch«, das vorher die köstliche Rindssuppe lieferte, umsonst gekauft worden sei, war sie bereits über die drei Steinstufen hinuntergesprungen und beim Nachbar, dem Herrn Ludl, in den Laden gestürzt. Und da besagter Herr Ludl »überhaupts und ohnehihn« dem »Kumité« angehörte und ungefähr tat, als sei er mit Skiern auf die Welt gekommen, so machte das Aussuchen eines passenden Paares keinerlei Schwierigkeiten, und sie nachträglich anmelden, das konnte er schon übernehmen – er durft's schon wagen!
Atemlos vom Laufen und dem ungewohnten und daher unbequemen Tragen der langen Schuhe kam sie als Letzte in der Ebene an, die im engern Kreise von niedrigen Hügeln umgeben war, und die sich der Herr Doktor daher als Übungsgelände ersehen hatte. Er selbst nahm jetzt einen etwas erhöhten Standpunkt ein und erläuterte seinen Zuhörern Zweck und Art des Sports und den richtigen Gebrauch und die Ausnutzung des Geräts. Alle schienen im Bann seiner Ausführungen zu stehen und sie absolut zu begreifen – nur Konny bemerkte mit Schrecken, welch' ein Chaos in ihrem Gehirn entstand. Sie versuchte, sich an einige technische Ausdrücke anzuklammern, aber sie war nie stark im Behalten gewesen, – und da sie ihnen keinen Sinn unterlegen konnte, zerstäubten auch diese Wörter wie Schneeflocken in ihrem Auffassungsvermögen. Plötzlich gab der Herr Doktor ein Zeichen, dessen Sinn er wohl vorher besprochen haben mußte, denn nun begannen alle sofort mit emsigen Händen, sich die vor ihnen am Boden liegenden Skier anzuschnallen.