Er führte sie an seinen Arbeitstisch, schob Bücher und Hefte beiseite und zog ein paar merkwürdige Eisenklammern hervor, deren Teile mit gewachstem Bindfaden verbunden waren. Triumphierend hielt er sie ihr hin.

Ratlos stand sie da und sah auf die Dinger. Sein Preisrätsel »Cacao« fiel ihr ein, und sie hütete sich wohl, irgend etwas zu äußern, was auch diesmal ihre völlige Unkenntnis verraten hätte. Infolgedessen konnte sie überhaupt nichts sagen – denn kein Lichtstrahl machte ihr klar, was diese Erfindung bedeute.

Er aber, mit dem blinden Entzücken aller Erfinder über ihr Produkt, sagte voll Begeisterung: »Das Ei des Kolumbus, nicht wahr? So einfach, so handlich, billig herzustellen, leicht zu transportieren – sehen S': in dem Tascherl da! – praktisch – und von einem Erfolg!! Na, den garantier' ich Ihnen! Eine großartige Erfindung, gelt? So was kann eben nur einer, der die Praxis kennt, der 's ausprobiert hat – der sich nicht abschrecken läßt von scheinbaren Schwierigkeiten! Und ich sag' Ihnen: immer simpler ist es worden, geradezu dahingeschmolzen in meine Händ' – und das werden S' zugeben müssen: von einer klassischen Einfachheit ist's worden – kein Hakerl z'viel, kein' Wirtschaft, kein Durcheinand' – höchste Einfachheit, gepaart mit größter Solidität und Sicherheit –.« Das letzte sagte er hochdeutsch, es klang wie eine Notiz aus einer Anpreisung. – Ihr wurde heiß und kalt und wieder heiß: wenn er um Gottes willen nur nicht fragen würde –! Sie hatte ja keine Ahnung, zu was die Dinger waren, die er nun mit einem »Schnapp« zuklappen ließ und wieder öffnete, obgleich ihr Geist sich an jedes Instrument klammerte, das ihr je in diesem Saal vor Augen gekommen war. Schlicht – ja, das konnte sie zugeben, das war dieser Apparat, fast primitiv in seiner äußeren Gestaltung und beinah roh in seinem Material. Aber sein innerer Wert mochte deshalb eminent sein, seine Hilfe für die Wissenschaft von unberechenbaren Folgen – wenn sie nur geahnt – wenn die unscheinbaren Dinger ihr nur einen einzigen Anhaltspunkt gewährt hätten! Hilflos starrte sie vor sich nieder und brachte endlich ein »Sehr hübsch – sehr praktisch« über die Lippen.

»Gelt?« fragte er zutraulich. »Das is was! Ja, so werden Meisterwerke geboren – so nebenher, so zufällig! Erst ist der Gedanke in mir gereift, dann habe ich mich mit ihm herumgeschlagen, denn eigentlich hab' ich nicht recht heranwollen, weil solch eine Idee doch immer etwas ablenkt – aber schließlich: das Erfindungsfieber ist über mich kommen, und kein' Ruh' nicht hab' ich gehabt, bis 's nicht da fertig vor mir gelegen ist am Tisch!«

Zwar hörte sie heraus, daß er sich ein wenig selbst persiflierte, aber stolz war er darum doch. Und konnte es ja auch sein: eine Erfindung machen, die Wissenschaft bereichern, das ist immer etwas Großes, fast Heiliges. So sagte sie denn auf gut Glück hin: »Die Zeit dürfen Sie doch nicht als verloren betrachten – da Ihnen die Erfindung gelungen ist, hat sich doch die sogenannte Untreue gegen Ihre Arbeit reichlich gelohnt.«

Er lachte. »Sogenannte« – ist gut! Sie haben eine famose Art zu trösten, Frau Kollega! Ich hätte Sie gar nicht für so vorurteilsfrei gehalten.«

Auch das verstand sie wieder nicht ganz, aber sie war nur froh, daß er keine präzisere Antwort von ihr verlangte.

Als er nun vorschlug, für heute die Arbeit aufzugeben und gemeinsam zu speisen, willigte sie gern ein. Gewöhnlich aß sie mittags in einer Pension mit streng modern denkenden und gekleideten Malerinnen; und sie, die noch so wenig leistete und in ihrer Arbeit ja auch kaum je eine Eigenart entwickeln konnte, saß recht gedrückt und bescheiden zwischen diesen selbstsichern Geschöpfen, die alle mit Bewußtsein auf dem richtigen Weg waren, wie sie sagten. Sie selbst sah nur ein stilles Eckchen vor sich, einen Tisch in einem Saal, an dem sie unbeachtet bis an ihr Lebensende sitzen, bestimmen, zeichnen, höchstens einmal etwas würde schreiben dürfen. Da durfte sie sich allerdings nie mit diesen Künstlerinnen in einem Atem nennen, die Ruhm und Erfolg in die Höhe tragen würden!

Neben des Doktors gutmütiger Art verlor sie ihre Scheu, ja, sie verriet ihm sogar von den Zweifeln an sich, die sich täglich am Mittagstisch erneuerten. Er lachte sie aus und sagte ein paarmal: »Da – schauen S' mich an! Bin ich hoffärtiger worden – oder gar stolzer?! Und bin doch ein großer Erfinder! Gelt, das bestellen S' Ihre Schwabinger Madeln von mir: je größer einer ist, um so bescheidener soll er sein.«

Er brachte sie nach Hause, und vor ihrer Tür sagte er plötzlich: »Wissen S', ich begleit' Sie morgen!«