Ja, das wäre nett! Zu zweien mußte es doch viel schöner sein, und so sicher war sie übrigens auch gar nicht auf ihren Skiern – in diesem Jahr war sie noch kaum hinausgekommen –.
»Um so besser«, entgegnete er etwas unverständlich. »Und da sprechen wir uns deutlich aus über meine Erfindung.«
Ach Gott, wenn er doch draußen nichts weiter wollte, als sich selbst bespiegeln und bewundern und von dem klassischen Stück Eisen reden, so sollte er nur lieber daheim bleiben! Etwas widerwillig nannte sie ihm Ziel und Abfahrtszeit, dann ging er fröhlich, mit richtiger Siegesmiene davon. Er schien doch schon auf dem besten Wege zur Hoffahrt zu sein!
Den ganzen Abend, während sich Frau Ellen Mahder die Skiausrüstung bereitlegte, die »Lauparstiefel« noch einmal einfettete, die Gamaschen fest aufrollte, um sie morgen tadellos binden zu können, und schließlich in den Rucksack zu allerlei appetitlichem Proviant den Zdarsky-Spirituskocher und den Seidenkragen, der sich zum Zelt gestalten ließ, eine andere Erfindung des Lilienfelder Skimeisters, zusammenpackte, plagte sie die Vorstellung von Doktor Zerpfangs Schöpfung. Ja, käme sie nur dahinter, ob er sie absichtlich hinhielte, sich vielleicht an ihrer Angst weidete – oder ob er sie wirklich für nicht so dumm hielte, als sie doch sein mußte! Diese letzteren Zweifel quälten sie besonders, und so verbrachte sie keine erquickende Nacht.
Er aber tat bei der Abfahrt gänzlich unbefangen. Seinen Schöpfer lobte er, der ihm den guten Einfall gegeben, gleich ihr dem dumpfen Saal zu entfliehen und in die Berge zu fahren. Den ganzen Weg vom Bahnhof in Schliersee, an Fischhausen vorbei und durchs Josephtal sang er und jubelte und konnte sich nicht genug tun, die Weiße des Schnees, die Bläue des Himmels – die wunderbare, in kristallene Reinheit getauchte Landschaft zu bewundern. So ein Tag – so ein leuchtender, jauchzender Tag! Ja, den brauchte man – da wurde man wieder gesund und froh, da fielen alle kleinen Erdennöte vom Herzen ab, so wie der stäubende Schnee vom schwankenden Ast. Und er schlug gegen die Bäume, daß es in lichten Wolken auf sie beide herniederrieselte: das Jungbad der Seele nannte er das. – Etwas schweigsam ging Ellen Mahder neben ihm her; sie kam sich selbst schwerfällig und »norddeutsch« vor, daß sie nicht aus vollem Herzen in sein Glück mit einstimmen konnte. Aber die Furcht vor seiner Erfindung fesselte ihr Zunge und Sinn – und ebenso die wachsende Erkenntnis seines Wesens: ein Kind war er, ein echtes, großes Kind wie alle Künstler, alle Genies. Hier, in der Sonne, in der belebenden, herben, köstlichen Luft, am größten gemessen, das es gibt: an freier Natur, offenbarte sich seine Ursprünglichkeit und Lauterkeit. Ein Erfinder – und doch so primitiv! Die Kompliziertheit ihres eignen Charakters wuchtete auf ihr.
Ehe es nun bergauf ging – sie wollten zur »Rotwand« hinauf – verlangte er, daß das Zelt aufgeschlagen und der Spirituskocher in Tätigkeit gesetzt würde. Ellen war noch gar nicht hungrig, aber sie gab nach: Launen eines großen Menschen soll man erfüllen, sie gehören zu ihm wie die Dornen zu den Rosen.
So hockten sie zu zweien, trotzdem sie beide groß waren, in dem winzigen Zelt nieder, kochten sich »einen Tee« und begannen sich von Herzen der Kameradschaft zu freuen. Früher, nein, da war diese Ungeniertheit zwischen zwei fremden Menschen und noch dazu zwischen Mann und Frau unmöglich gewesen – nur dem nivellierenden, von Vorurteilen befreienden Sport war das zu verdanken!
»Er soll leben«, sagte der Doktor mit dem letzten Schluck, und dann packten sie wieder zusammen.
Dabei kam eine Unruhe über den jungen Botaniker. Ein paarmal setzte er zum Sprechen an, endlich brachte er über die Lippen: »Wann's Ihnen recht ist, probieren wir sie nun aus, die Erfindung! Weil's ohnehin bergan geht!«
Hier – die Erfindung! Im Freien, im Schnee – auf einer Skitour! Mein Gott, er konnte doch nicht plötzlich geistig verwirrt sein. – Unmerklich trat sie einige Schritte von ihm zurück. Er kniete im Schnee hin und bastelte an ihren Skiern herum. Sie spähte inzwischen ringsum: sollte sie fortlaufen, um Hilfe rufen – ihre Angst wuchs ins Ungeheure! Eine einzelne Frau allein mit einem Mann, nein, es war doch nichts, sie verwünschte im Moment die eben noch gepriesene Kameradschaft: die Alten hatten recht, die vor ihr warnten, die ihr keine Existenzberechtigung gewährten – –