Da war er schon fertig und erhob sich mit einem scheuen Lächeln um den Mund, mit einem Rot stolzer Verlegenheit auf der Stirn.
»Da sehen S'! Ein Griff – klapp! Fertig is'! Und nun probieren Sie 's aus – Sie sollen die Erste sein – wie mich das glücklich macht!«
Die Skier lagen vor ihr, und dicht vor der Bindung waren sie umklammert – von der neuen Erfindung! Zutraulich erklärte er ihr, woran der Vorteil vor den kostspieligen, mühsam anzulegenden Fellen läge und daß, wenigstens für kürzere Touren, der gewachste Bindfaden dieselben Dienste leisten könne. – –
Er begriff gar nicht, warum sie nicht in seine Freude mit einstimmte. Sie hatte die Farbe gewechselt und sich an einen Baum gelehnt: ihre Enttäuschung, ihre Empörung – der Zorn gegen ihn, gegen sich selbst nahm ihr Atem und Besinnung. Also doch – also doch! Leichtsinnig, oberflächlich, unzuverlässig! Nicht an einer ernsten Erfindung hatte er all die Wochen intensiv gearbeitet, für diesen Unfug, diese Überflüssigkeit – dieses Nichts hatte er Zeit und Kraft geopfert! Und seine Kindlichkeit war kein Beweis seiner Genialität, sie war nichts als der Ausfluß seines unreifen, törichten Wesens.
Aber das Ärgste war und blieb, daß sie sich hatte düpieren lassen!
Mechanisch setzte sie die Füße in die Skier, ließ sie sich von ihm festschnallen und lief von ihm fort, so schnell es nur eben ging. Sie mußte allein sein, nachdenken, versuchen, ihre ungeheure Wut gegen ihn niederzukämpfen – ihn von ihrer schmerzenden Enttäuschung nichts merken lassen.
Die schwebende Enttäuschung blieb, als sie endlich die andern Gefühle besiegt hatte. Irgendwo in ihrem Herzen saß sie fest und ließ sich nicht vertreiben und sagte ihr wieder und immer wieder, daß auch dieser Mann nur einer wie alle sei, um kein Deut besser, um kein Lot wahrer – vielleicht, vielleicht auch so wankelmütig wie der andere, der sie nach kurzer Ehe verlassen und um dessentwillen sie einen Beruf gewählt hatte – um zu überwinden und zu vergessen. Längst überwunden war das alles; heute stiegen ihr dennoch bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. Einer wie alle – alle wie der Eine!
Äußerlich wurde sie ruhig. Die gleichmäßige Bewegung bergan, die göttliche, kaum von einem Vogelschrei unterbrochene Ruhe, der stille Sonnenschein, der Wald und Schnee förmlich durchtränkte, die klare Luft – sie taten ihr Werk wie immer. Sie glätteten die hochgehenden Wogen ihrer Empfindung und zwangen sie, gerechter zu werden: war es seine Schuld, daß er sie enttäuschte? Hatte er sie über sich selbst im Unklaren gelassen? Nur sie, sie wollte mehr in ihm sehen; ihr genügte nicht der harmlose Mensch, der dennoch seinen Sport ernst nahm und ihm eine Verbesserung zur Ausführung wünschte – ein großer Erfinder, ein Genie hatte er sein sollen!
Wie schnell sie auf die Höhe gekommen war, und nicht ein bißchen atemlos oder erhitzt wie sonst beim gefürchteten Bergauf – alle Kraft gespart für die frohe, herrliche Abfahrt! Woran lag das nur –? Wahrhaftig: das mußte das Verdienst seiner Erfindung sein! Und darüber war sie so böse gewesen?! Lächelnd sah sie auf die »klassischen« Eisen hinunter: hatten nicht auch sie ihre Berechtigung?
Du lieber Gott, die großen Sachen waren ja schon fast alle erfunden – mußte es nicht auch Leute für die kleinen geben, denen man dankbar sein konnte für die angenehmen Erleichterungen des Lebens?