Der Onkel schrieb wirklich noch einen Brief, an einen nebensächlichen Bekannten, und ließ ihn auf dem Schreibtisch liegen. Dann löschte er das Licht und kam ins Schlafzimmer. Kopfschüttelnd schaute er auf den Neffen, der gerade den zweiten Schluck aus der Flasche nahm.
„Entschuldige!“ sagte er und nahm die Flasche in den Arm. „Ich pflege sonst nicht aus der Flasche zu trinken. Aber die Umstände gebieten es. Hol nur dein Weinglas herein und stell es auf den Nachtschrank, damit dein alter Hausdrache meint, du hättest die Flasche im Bett ausgetrunken. Es war dies jedenfalls früher eine deiner beliebtesten Angewohnheiten.“
Der Onkel gehorchte, zog sich die Stiefel aus, stellte sie vor die Tür und riegelte ab. Jetzt erst wagte er aufzuatmen. Er hielt seinem Neffen das leere Glas hin, der so gnädig war, es ihm zu füllen.
„Schäm dich!“ sagte Peter Voß. „Königlich Preußischer Landgerichtsrat, und nicht mal Herr im eignen Hause! Gute Nacht, alter Herr, und bessere dich.“
„Aber morgen früh!“ flüsterte der Onkel ängstlich. „Du kannst doch morgen nicht aus dem Hause in diesem Anzug.“
„Du wirst wohl einen neuen Anzug übrig haben!“ lachte Peter Voß übermütig. „Wir haben ja dieselbe Größe und dieselbe Figur.“
Einigermaßen beruhigt legte sich der Onkel ins Bett, schlürfte den Wein und löschte das Licht. Und bald waren die beiden eingeschlafen. Die Haushälterin, die eine Viertelstunde später kam, hörten sie nicht mehr.
Peter Voß erwachte am Morgen, als die Haushälterin die Stiefel des Landgerichtsrats vor die Tür stellte.
„Hören Sie mal!“ rief er, indem er so genau den Ton seines Onkels nachahmte, daß der ganz verstört aus den Kissen fuhr. „Da liegt ein Brief auf dem Schreibtisch. Der muß sofort besorgt werden. Stellen Sie das Frühstück zurecht, ich muß sogleich aufs Gericht. Sie können dann direkt auf den Markt gehen.“
„Jawohl, Herr Landgerichtsrat!“ flötete sie zurück und eilte, den Frühstückstisch zu decken.