„Nach Hamburg!“ gab die Haushälterin zurück, die ihn sofort an der Stimme erkannt hatte.

Schwindel! dachte er und hängte ab. Sie hat Argwohn geschöpft und will mich auf eine falsche Fährte locken. Aber ich werde sie nicht aus den Augen lassen.

Abends um sieben Uhr spazierte er bereits auf dem Bahnsteig hin und her, zwei Fahrkarten hatte er in der Tasche, die eine nach Breslau, die andere nach der russischen Grenzstation, denn die Züge aus beiden Richtungen begegneten sich hier. Sein Gepäck hatte er im Hotel fertig zum Absenden zurückgelassen. Nur eine kleine in Strienau gekaufte Handtasche, die das Allernötigste barg, trug er in der Hand.

Polly nahm herzlichen Abschied von dem Onkel, der ihr ein Coupé des Zuges öffnete, der von Breslau kam. Dodd stieg als alter Theaterherr ins Nebencoupé. Da der Zug aus Durchgangswagen bestand, konnte er Polly unauffällig überwachen.

So fuhren sie zusammen nach Rußland.

Peter Voß kam schon am nächsten Abend nach Moskau, wo er sich, ohne von der Polizei behelligt zu werden, schon am folgenden Morgen den Kreml beschaute. Zu seiner großen Ueberraschung war das nicht ein Gebäude, sondern eine ganze Stadt, die mit einer fünftorigen Mauer umgürtet war. Und das schlimmste war, jedes dieser fünf Tore konnte den Anspruch erheben, ein Haupttor zu sein. Unter diesen Umständen war das Rendezvous mit Polly reichlich verzwickt. Wie sollte er alle diese fünf Tore gleichzeitig im Auge behalten! Er mußte ein Automobil requirieren und Freitag mittag immer um den Kreml herumfahren, bis Polly an irgendeiner Stelle auftauchen würde.

Sie erreichte Donnerstag abend Moskau. Ein alter, weißbärtiger Herr, den sie unterwegs öfter gesehen hatte, war ihr in der Auswahl des Hotels behilflich, als sie sich ratlos nach einem Wagen umschaute. Sie bedankte sich und verlor ihn aus den Augen. Der Oberkellner des Hotels sprach etwas Deutsch und Englisch und besorgte ihr am Freitag mittag eine Droschke zum Kreml. Vor dem Erlösertor stieg sie aus, entlohnte den Kutscher und wartete. Es war bereits eine Viertelstunde nach zwölf. Gleich darauf sah sie den alten Herrn, den sie von der Fahrt her kannte, mit zwei jüngeren Leuten herankommen. Er grüßte höflich und betrachtete interessiert das wundertätige Heiligenbild, das in dem Tor angebracht war. Seine beiden Begleiter schienen Fremdenführer oder Bekannte zu sein, denn sie gaben ihm auf seine Fragen die gewünschten Erklärungen.

Schon fünfmal war Peter Voß im schnellen Tempo rund um die goldene Burg von Rußland gesaust, da erblickte er Polly. Er ließ das Auto etwas abseits halten und trat langsam näher. In dem schmierigen Schafspelz, den er trug, sah er weniger wie ein Student, mehr wie ein russischer Viehhändler aus. Sie erkannte ihn nicht und wich scheu zur Seite, als sie sein schmutziger Rock streifte.

„Polly!“ flüsterte er und ging weiter, entblößte vor dem Heiligenbild andächtig den Kopf und stellte sich zu den drei Herren, die ihm einigermaßen verdächtig vorkamen, denn sie konnten sich von dem Bilde nicht trennen, obwohl sie weder wie Kunstverständige noch wie Pilger aussahen.

Polly war erschrocken zurückgefahren, als ihr Name an ihr Ohr geklungen war. Sollte dieser entsetzliche Bauer Peter Voß sein? Das war unmöglich! Und sie verfolgte ihn mit ihren Blicken.