Doch der Mann verstand es nicht, er verstand überhaupt keine europäische Sprache. Da machte Peter Voß die Bewegung des Essens nach dem offenen Munde hin.

Nun begriff der Mann, der dem aussterbenden Volke der Aino angehörte, legte das Wildbret nieder, zog ein Messer und löste einen Ziemer los, den er dem Flüchtling reichte.

Peter Voß schüttelte den Kopf und suchte dem Manne begreiflich zu machen, daß er kein rohes Fleisch vertragen könne. Er hatte schnell erkannt, daß der Wilde ein sehr gutmütiger Mensch war, und gab ihm nun durch einen großen Aufwand von erläuternden Gebärden zu verstehen, daß er mit nach seiner Hütte gehen wolle.

Und der Mann nahm ihn mit. Nach einer halben Stunde erreichten sie ein Dorf, das aus einem Dutzend größerer und kleinerer Hütten bestand, die auf kurzen Pfählen saßen und mit Binsen behangen waren. Die hervorstechendste Eigenschaft dieser Niederlassung war der Schmutz, der sich in einer wahrhaft beängstigenden Weise überall bemerklich machte. In einem Raum, der kaum drei Meter im Geviert maß, hockte eine siebenköpfige Familie, die Peter Voß beim Abendbrot zusah. Eine riesige Schüssel Hirsebrei stand vor ihm, aus der er mit den Händen löffeln mußte.

Andere Völker, andere Sitten! dachte er und bemühte sich, möglichst wenig von der verpesteten Luft, die in dem Raume herrschte und die sich ihm sogar auf den Appetit legte, einzuatmen.

Nachbarn kamen hinzu, den Fremdling zu betrachten, und bald war die Unterhaltung im Gange. Peter Voß führte das Wort. Es gab einige unter den Leuten, die etwas Russisch verstanden. Sie wußten auch, daß er ein entsprungener Sträfling war. Da sie aber recht unverdorbene Naturkinder waren, deren Faulheit ebenso groß war wie ihre Gutmütigkeit, und da Peter Voß so vorzüglich zu betteln verstand, gaben sie ihm alles, was er haben wollte, einen Sack mit Mundvorrat, einen Spieß, ein Messer und ein bißchen Kautabak, der allerdings, weil er auf Sachalin gewachsen war, nichts Hervorragendes an sich hatte.

Ueberglücklich fiel Peter Voß der ältesten, häßlichsten und schmutzigsten Ainogroßmutter, die anwesend war, um den Hals und gab ihr einen echt russischen Kuß. Damit hatte er die Herzen aller erobert. Zwei junge Leute erboten sich sogar, ihn auf einem Schleichweg über die Grenze zu bringen. Gleichzeitig gedachten sie die günstige Gelegenheit zu benutzen, um auf dem Rückweg zu schmuggeln. Denn der Spiritus war in Japan bedeutend billiger als in Rußland.

Um Mitternacht brachen sie mit Peter Voß auf. Hunde nahmen sie nicht mit. Deren Gebell hätte sie nur verraten können. Diese Leute, die jeden Fußsteig im Finstern fanden und Peter Voß in die Mitte nahmen, wußten mit einer Treffsicherheit sondergleichen genau an dem Punkt den fünfzigsten Breitengrad und damit die Grenze zu überschreiten, wo die Kosakengefahr am geringsten war.

Am Morgen erreichten sie das erste japanische Ainodorf, wo Peter Voß wieder mit Hirsebrei bewirtet wurde.

„Das verträgt mein Magen auf die Dauer nicht!“ sagte er, bedankte sich bei den Führern und machte, daß er weiter nach Süden kam.