„Aber Bobby Dodd!“ warf Stockes ein, schon halb für den mehr als abenteuerlichen Plan gewonnen. „Sie unterschätzen den Mann wirklich.“

„Und Sie unterschätzen mich!“ lachte Peter Voß. „Bobby Dodd hat bei all seinen bisherigen Jagden auf der Gegenseite immer einen guten Verbündeten gehabt, das war das böse Gewissen. Bei mir fehlt es vollständig. Ich besitze sogar einen Ueberfluß vom Gegenteil. Und außerdem werde ich Ihnen jetzt ein Geständnis machen, Mr. Stockes. Sie sind zwar kein richtiger Yankee, denn als solcher hätten Sie mich damals ruhig ins Wasser springen lassen müssen. Aber ein smarter Gentleman sind Sie doch, denn Sie haben mich Ihres höchsten Vertrauens gewürdigt, ohne die geringste Neugier nach meinem Vorleben zu bekunden. Und darüber sollen Sie jetzt das Nötigste erfahren, nur damit Sie einsehen, daß ich mich vor zehn Bobby Dodds nicht zu fürchten brauche. Ich bin nämlich ein Junge, der mit allen Hunden gehetzt ist, obschon ich sehr gewöhnlich aussehe. Mit meinem Allerweltsgesicht kann ich in jede Maske hineinkriechen. Jawohl, auch Schauspieler bin ich gewesen, auf einer ungarischen Schmiere. Bis zu meinem siebenten Jahr war ich bei meinen Eltern. Mein Vater war ein höherer Medizinalbeamter in Hamburg. Im Cholerajahr starb er, ebenso meine Mutter. Ich kam dann zu meinem Onkel nach Strienau, einer Mittelstadt an der Oder in Schlesien. Mein Onkel war dort Amtsrichter, ein ganz gescheiter und anständiger Kerl. Nur mit seinen Erziehungsgrundsätzen war ich nicht ganz einverstanden. Anstatt in die Obersekunda zu gehen, lief ich nach Hamburg, kroch in den Kohlenraum eines englischen Trampdampfers und kam erst im Atlantik an Deck. Erst gab’s was zu essen, dann Prügel. Aber ich hatte meinen Willen durchgesetzt. Acht Jahre habe ich mich so in der Welt herumgetrieben, als Stiefelputzer und Kameltreiber, als Kellner und Bierkutscher, als Polizeimann und Tramp. Ich war Cowboy in Texas und Heizer auf einem Mississippiboot. In Frisco habe ich Kisten genagelt, und in New York bin ich als Sandwichman herumgelaufen. Zwischendurch war ich immer wieder an Bord, auf See, als Matrose, als Steward, als Kohlenzieher und sogar als Zahlmeister. Ich habe in China Opium geschmuggelt und war in Odessa Krankenwärter in einer Cholerabaracke. In Iquique lag ich drei Tage in Eisen, weil ich dem englischen Kapitän den Pott mit den madigen Bohnen an den Kopf geworfen hatte. Das war Meuterei. Am vierten Tag war ich draußen, und in der Mauer des Gefängnisses war ein großes Loch. Ich spreche und schreibe vier Sprachen und kann mich außerdem in einem halben Dutzend ganz passabel verständigen. Ich habe in Chicago als Großreeder Konkurs gemacht und in Key West ein Vermögen verspielt. Bis ich schließlich auf die St. Louis Bridge ging. Und das übrige wissen Sie.“

„Aber wie kamen Sie auf die Brücke?“ rief Jim Stockes erstaunt. „Ein Mensch von Ihren Fähigkeiten!“

„Die Liebe ist eine schwere geistige Krankheit!“ sagte Peter Voß beinahe ernst. „Damals wollte Polly nichts von mir wissen. Erst als ich Ihr Buchhalter wurde, hat sie sich mit mir verheiraten wollen.“

„Und wenn er Sie trotz alledem erwischt?“ rief Stockes.

„Dann werde ich die erste Gelegenheit benutzen, ihm wieder auszukneifen,“ erwiderte Peter Voß siegesgewiß.

„Aber bedenken Sie, den Zufall haben Sie nicht in der Gewalt!“ warnte Jim Stockes. „Angenommen, er bringt Sie hierher zurück und stellt Sie vor den Strafrichter. Dann werde ich als Betrüger entlarvt.“

„I wo!“ lachte Peter Voß gerade heraus. „Ich nehme den ganzen Trick auf meine eigene Rechnung. Denn woher wissen Sie denn den Stand Ihrer Firma? Aus den Büchern, die ich führe. Wenn ich nun diese Bücher schon seit zwei Jahren systematisch gefälscht hätte zugunsten der Firma! Wie sieht dann die Sache aus? Ich habe den ganzen Schwindel ohne Ihr Wissen eingefädelt, um die Firma Stockes & Yarker zu retten. Und wenn Sie mir dann den besten Anwalt besorgen, rechne ich sogar auf einen Freispruch mit auffälliger Rührung im Zuhörerraum.“

„Damned!“ stieß Jim Stockes zwischen den Zähnen hervor. „Sie sind ein dreimal verteufelter Kerl. Ihr Deutschen seid uns Yankees über, ihr habt mehr Phantasie. Wenn Sie Ihren Hals für mich in die Schlinge stecken wollen, dann sehe ich nicht ein, was mich davon zurückhalten sollte, es ebenfalls zu tun. Ich werde morgen Dick Patton breitreden wie einen Pfannkuchen.“

„Großartig!“ rief Peter Voß vergnügt, umarmte ihn und klopfte ihm ermunternd auf den Rücken. „So gefallen Sie mir, Mr. Stockes. In spätestens zwei Jahren haben wir die Firma saniert. Dann bringe ich Ihnen als reuevolles Schaf die zwei Millionen zurück.“