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daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen, sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect — und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit zwischen Schein und Sein. — Wir werden auf diese z. Th. sehr treffende Definition später bei Gelegenheit des Witzes noch einmal zurückkommen.
Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt eine andere Auffassungsweise der uns beschäftigenden Frage erwähnen, nämlich die metaphysisch-ästhetische, als deren eigentlicher Begründer Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte aus lässt sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas Angenehmes enthält. Jean Paul, der übrigens selbst zum Theil die psychologische Betrachtungsweise noch festhält, bringt in seiner Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperçus über unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der wissenschaftlichen Schärfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A. das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen; dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch- ästhetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge, Weisse, u. A. weiter gefördert wurde. Am Eingehendsten behandelt von diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tübingen) [2] unser Thema und liefert eine Fülle wohlgeordneten, schätzbaren Materials. Nach ihm bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen Abschnitte über den „Subjectiven Eindruck des Erhabenen und Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die Seele des Anschauenden eindringt, während durch die plötzliche Aufhebung des Erhabenen die
[1] Sämmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. §. 26 ff. [2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.
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Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr ausführlich einzeln bespricht, bilden durch ihren plötzlichen Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.
In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine Unlust verursacht, während wir dem zweiten Factor, über den sich die Autoren hauptsächlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines angenehmen Gefühls zuschreiben müssen. Diese beiden Factoren hat man aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn während man das unangenehme Gefühl ans der Einwirkung erklärt, die der im Komischen vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausübt, suchte man das angenehme Gefühl aus einem von jenem Inhalt zum grössten Theil unabhängigen psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des Anschauens über das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns vorhandenen Positiven über das gegebene Negative, Vischer endlich aus der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. — Nur eine, zuerst von Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklärung, welche den Grund der Lust beim Lächerlichen in dem Gefühl unserer Ueberlegenheit über die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie die Unlust. Denn während die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern einerseits unser Gefühl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch, dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein angenehmes Gefühl hervor. Doch gilt diese Erklärung, so richtig nach meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlägt, nur für eine ganz beschränkte Form des Lächerlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung, insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefühls selbst durch die Harmonie mit den höchsten Ideen nur sehr selten aufgewogen wird und dieselbe daher für den komischen Contrast in der Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwähnten noch viele andere auf demselben Grunde
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entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden. Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme Gefühl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die Quellen des unangenehmen Gefühls, und dass beide Gefühle aus der Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere Seele hervorgehen.
Ehe wir aber zur Lösung dieser Aufgabe schreiten, ist es nöthig, dass wir uns über die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden psychologischen Fragen verständigen und uns namentlich darüber einigen, was wir unter Gefühlen verstehen wollen, und welche Quellen wir für dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verständigung hierüber um so unerlässlicher, als mit dem Worte Gefühl die heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der gewöhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte Empfindung und Gefühl zum Theil auch in die Wissenschaft eingedrungen ist, und hier die grösste Verwirrung angerichtet hat.