Nahlowsky, der sich um die Klärung dieser Begriffe das grösste Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung zwischen Gefühl und Empfindung ausser Acht lassend in unlösbare Widersprüche und auf Abwege gerathen sind.

Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustände, die auf der blossen Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind) *Empfindungen;* alle jene Zustände dagegen, die keineswegs unmittelbares Product von Nervenreizen, sondern vielmehr Resultat gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen sind, *Gefühle* und zwar beruhen dieselben auf dem unmittelbaren Innewerden der Hemmung oder Förderung unter den eben im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen. Die Hemmung erzeugt

[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. Nahlowsky das Gefühlsleben. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.

[Page 26]

das Gefühl der Unlust, die Förderung das Gefühl der Lust und zwischen diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefühle, die den Menschen jemals beherrschen können.

Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen und die Innen- oder Körperempfindungen. Unter letzteren sind namentlich die sogenannten Gemeingefühle oder richtiger Gemein_empfindungen_ für uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch in der Wissenschaft) geläufige Name sagt, fälschlich zu den Gefühlen gerechnet werden. Es gehören hierher z. B. die Empfindungen körperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit und dgl.

Während die Empfindungen ursprüngliche Zustände sind, sind die Gefühle abgeleitete; während erstere die Elemente darstellen, aus denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefühle erst aus den Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefühle mit den Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhängigkeit der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider Zustände geführt. Die Empfindungen erzeugen Gefühle stets durch Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen früher zufällig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in Folge der damit verknüpften Vorstellung vom Tode überhaupt oder vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grössere körperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe führt nämlich durch leichteres von Stattengehen der Ernährungsvorgänge auch im Gehirn zu einer schnelleren Verknüpfung der Vorstellungen überhaupt, welche wie wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefühle ist. Die körperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder ein körperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-

[Page 27]

stellungsverlaufes welches unangenehme Gefühle erregt. Immer also bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und Gefühl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz noch näher beweisen helfen.

Wir haben uns hier zunächst ganz im Allgemeinen mit den Gefühlen der Lust und Unlust zu beschäftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen noch näher erforschen. Wir führten schon oben die Definition von Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefühl aus einer Förderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklärt. Es soll unsere Aufgabe sein, die Begriffe der Förderung und Hemmung noch näher zu specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefühle beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugeführten, sei es durch Reproduction über die Schwelle des Bewusstseins gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.