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wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast ausschliesslich den Maassstab für die Qualität der Gefühle abgiebt. — Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist für den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen zuwiderläuft, der Ursprung unangenehmer Gefühle.
Je höher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten die sittlichen und religiösen und weiterhin die ästhetischen Ideen, sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und spielen bei der Erregung von Gefühlen eine wesentliche Rolle. Während daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergötzen kann, in der Freude über die Verschonung seiner eigenen Person, wird der Gebildete dabei mit innerem Weh erfüllt, weil die Vorstellung von dem Leiden überhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und ästhetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. — Während der Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller Unterdrückung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut nicht gefährdet ist, wird der Andere Feinfühlige von Grimm erfüllt, trotz äusserlich glänzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.
In den bisher betrachteten Fällen von Aufnahme neuer Vorstellungen war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht in lebhafter Thätigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhältnisse, wenn zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht, uns momentan sehr lebhaft beschäftigt. In diesem Fall wird die Assimilationsfähigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden Vorstellungsreihe übereinstimmt oder nicht, sich
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also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. — Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nämlich in einem bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz ausfüllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrängen, sofern sie nicht mit ihr in eine Vorstellungsthätigkeit verschmelzen kann. — Dies Verdrängen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden Vorstellungen wird unter allen Umständen, selbst wenn die neue Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend uns an sich durchaus angenehm berühren würde, eine Verzögerung der Assimilation veranlassen und daher zunächst ein unangenehmes Gefühl hervorrufen, das später freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter Umständen in ein angenehmes Gefühl übergehen kann. — Im umgekehrten Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact verschmelzen können, wird die Assimilation sehr wesentlich gefördert, da einer ihrer Acte, „das Wecken" der ähnlichen Vorstellung, in Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefühl hervorzurufen, nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz äussere Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschränken, wo sonst die mit der Association verbundene Gefühlserregung zu schwach zu sein pflegt, um überhaupt noch empfunden zu werden.
Wir erklären hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf unser Gefühl ausübt. Es werden uns bei demselben in den beiden gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefühl hervorruft. Es ist ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem die Aehn-
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lichkeit des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein für sich selten ein starkes Gefühl zu produciren vermögen, sehr entschieden angenehm. Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehört haben, hören wir für die Folge auch gern zusammen. Es verursacht für den nach dem Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes angenehmes Gefühl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. — Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander ähnlichen Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel, Stock und Stein (auch Haus und Hof gehört hierher), — die ja auch das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als die angenehmen Gefühle bei Uebereinstimmung der neuen Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher gegebenen, können unter Umständen die unangenehmen Gefühle bei mangelnder Harmonie sein. Es gehört hierher namentlich das unangenehme Gefühl getäuschter Erwartung, bei der eine neue Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung plötzlich unterbricht. Es ist in diesen Fällen die Assimilation der neuen Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns übrigens ziemlich gleichgültig lässt, oder gar unangenehm berührt, auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten; statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns äusserst lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein — um freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem ungemischten Gefühl der Freude Platz zu machen. Man sagt von Menschen, bei denen die Assimilationsfähigkeit selbst conträrer Vorstellungen eine grosse ist, sie können „sich schnell fassen".
Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und unangenehmen Gefühle zusammen, die, wie eben erörtert,