[Page 41]
Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des
Komischen von unten hinauf steigen, zunächst:
*1. Das niedrig Komische,*
bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefühls die Harmonie der gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten Selbstgefühl antreffen, während auf Seiten des unangenehmen Gefühls die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhöhte Selbstgefühl mit den ästhetischen Normen in den komischen Contrast tritt, entsteht das Lachen über körperliche Hässlichkeit, über allerlei Gebrechen, die den Schönheitssinn beleidigen, wie Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon oben erwähnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch das Gefühl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen Person, durch das „Sichbesserdünken" aufgewogen. Bei Verletzung der ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefühl gegen moralische Hässlichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen Normen endlich ruft es das Lachen über die Ungeschicklichkeit, die Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fällen muss also das Selbstgefühl der Verletzung übrigens höher stehender Normen das Gleichgewicht halten können, wenn der komische Contrast entstehen soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefühlsconflicte hauptsächlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die hohen sittlichen und ästhetischen Ideen nur in unentwickelter Form besitzen, deren Selbstgefühl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen sich die höheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.
In einem Falle nur ist das erhöhte Selbstgefühl als eine etwas edlere Regung anzusehen, wenn wir uns nämlich gewissermaassen über unsere eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefühl daran stärken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit überwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf beruht zu einem Theil das Lachen über die sog. Münchhausiaden, Lügen- und Jagd-
[Page 42]
geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehören). Während einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefühl beleidigt wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefühl in Folge der berechtigten unserem Selbstgefühl schmeichelnden Freude darüber, dass wir der beabsichtigten Täuschung nicht unterlegen sind, so nahe wir der Gefahr auch waren. In einer gewissen Gefahr, der Täuschung zu unterliegen, müssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher dürfen die Lügen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern müssen die Möglichkeit einer Täuschung enthalten. — Da es zum Lachen über diese Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit bedarf, welche eine Kränkung des Selbstgefühls über die beabsichtigte Düpirung nicht aufkommen lässt (wir lassen uns solche Geschichten ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzählen), so steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig höher; doch ist sie in steter Gefahr auf das gewöhnliche Niveau des niedrig Komischen herabzusinken, sobald solche Münchhausiaden einer grösseren Gesellschaft erzählt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem Zuhörer das Gefühl der Ueberlegenheit über die Anderen ein, denen er Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lüge als Wahrheit aufbinden lässt, so steigt unser Selbstgefühl in gleichem Maasse, wie die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe höher steht die folgende Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und häufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)
*2. Das Pseudonaive*
nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefühl bei ihm nur aus einer scheinbaren oder bedingten Coïncidenz mit höheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Während einerseits, und zwar hauptsächlich durch die kindliche Einfalt, unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung oder Handlung doch etwas relativ Wahres, Kluges, Vernünftiges enthalten, namentlich wenn wir
[Page 43]