uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden naturgemäss vorhandenen und daher verzeihlich scheinenden Unkenntniss stellen. — Die Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.

Das vierjährige Töchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht artig zu sein, denn in der Kirche müsse man sich ganz ruhig und still verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelärmt.

Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche kam und seinen Vater auf der (übrigens ungewöhnlich hoch angebrachten) Kanzel stehen sah, ängstlich aus: „Ach, Du lieber Gott, wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch wieder herunterkönnen?"

Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten, auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter gesehen. Da plötzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein solcher in den Hof und springt an der Hausthür vom Pferde: „O", ruft der Knabe da mit tiefem Bedauern, „jetzt ging er entzwei". —

Ein Kind sollte das „Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der
Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. —

Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das später aus Kant angeführte.

Endlich gehören hierher fast sämmtliche Beispiele, welche Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lächerlichen, der von ihm sog. Narrheit anführt. Nach Schopenhauer, der wie erwähnt nur zwei Arten des Lächerlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen übergehen. „Objecte, die übrigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre übrige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum

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Erstaunen des Handelnden hervortritt." — Die Beispiele, die S. zu dieser Art des Lächerlichen anführt, sind nun merkwürdiger Weise fast alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt ausgehende Erläuterung in ihrem Wesen viel bestimmter präcisirt zu werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklärung. — Ich lasse einige „Narrheiten" von ihm folgen: „Soldaten machen einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmüthigkeit an ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber während des Spiels anfängt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei entstehenden Streite hinaus." — Die Soldaten begehen offenbar eine thörichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit gewaltig verstösst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und die daraus natürlich hervorgehende momentane Unzurechnungsfähigkeit uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung aber wiederum eine ganz vernünftige, zweckentsprechende, daher also eine pseudonaive.

„Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen, welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne jedoch das Pulver einzubüssen. Da legte der Eine die Mündung des Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum Andern: „Jetzt drücke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt zuerst das Schrot." — Auch hier haben wir eine thörichte Handlung (oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und wissen kann (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und überlegte, indem sie (wie Schopenhauer ganz richtig anführt) von dem Begriff ausgeht, Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.