Auch die Münchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Beläge zu seiner Definition anführt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter das Pseudonaive stellen, wenn sie nämlich solchen Inhalts sind, dass sie zwar für uns etwas absolut Un-

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sinniges, Unmögliches enthalten, aber von einem bestimmten Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden voraussetzt, dennoch nicht allein möglich, sondern sogar klug ersonnen erscheinen. So enthält die Geschichte von den im Posthorn eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube später aufthauen, für den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern sähe denselben mit gutem Recht für etwas Materielles an, etwa für eine Flüssigkeit, die unter Umständen ja auch einfrieren könne, so erscheint uns diese Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden Tönen ganz klug. — Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand als Münchhausiaden erzählt, so wird in der Regel freilich die eben besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das Lachen in der früher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber verhält es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstück des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das eingefrorene Töne seien und ob die nicht in der Stube wieder aufthauen würden. —

Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden kann, vermöge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz über, indem sie das „unbewusst Witzige" bilden. Von zwei Menschen, welche dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der andere sie als eine witzige auffassen.

*3. Das Naive*

bildet, wie schon gesagt, die auf höchster Stufe stehende Form des Komischen. Die Bezeichnung naiv wird in einer weiteren und engeren Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefühl aus der Verletzung irgend einer praktischen, logischen oder ideellen Norm hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von conventionellem, gesellschaftlichem Anstand herleitet. Es leuchtet ein, dass

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(natürlich nur für sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das entgegenstehende angenehme Gefühl ein stärkeres sein muss, als im zweiten Fall, wo gewissermaassen nur künstlich geschaffene Gesetze verletzt werden. Immer aber ist es nöthig, dass uns in der naiven Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu respectiren braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt. — Am häufigsten beobachten wir aus diesem Grunde die Naivetät bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den künstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als naturgemäss voraussetzen. —

An Beispielen für das Naive ist kein Mangel. Eine recht hübsche und dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprüchen (untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter Hoffmann kürzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: „Humor aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzüglichsten Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses Büchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt habe, nicht blos weil es für den, der einmal tüchtig und von Herzen lachen will, reichlichen Stoff enthält, sondern weil es einen schätzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. —

Hier nur ein Beispiel: