„Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine Mutter. „Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. — Nach einer Weile fragt er wiederum und erhält dieselbe Antwort. „Aber weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger". — „Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird gleich gegessen". — Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube und fragt ihn: „Höre, wann gehst Du denn fort?" — „Gleich, mein Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" „Nun, weil ich Hunger habe und Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der Soldat hat über diese naive Aeusserung lachen

[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.

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müssen, so wie wir jetzt noch darüber lachen. Wir haben hier zunächst eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt und unbekümmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise. — Aus gleichem Grunde lachen wir über jenes Kind, das, einen fremden Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten entschuldigt: „Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre Locken auf." Verstösst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt und erfreut uns doch in höherem Grade das rückhaltlose, wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld jene künstlich geschaffenen Lügengesetze nicht kennt und daher sittlich höher zu stehen scheint. —

Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem wir dann nicht über das Kind, sondern über die Mutter lachen, ja! dieselbe auslachen. — Wir empfinden nämlich über die eitle Frau eine gewisse sittliche Entrüstung und gönnen ihr nun die Blamage, welche ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine wohlverdiente; — unser Gerechtigkeitsgefühl wird dadurch befriedigt. Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivetät der Aeusserung ganz abgesehen, und an Stelle der letzteren könnte eben so gut ein Zufall treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Perücke überrascht werden lässt. — Es bestätigt dies Beispiel die unzählig oft zu beobachtende und schon erwähnte Thatsache, dass ein und dieselbe komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente enthält, wobei natürlich im Ganzen der komische Effect sich steigert, wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr erschwert. —

Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die höchste Stellung einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt, erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem Lächerlichen sehr leicht in das Rührende über-

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geht. Ich führe dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:

„Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzählte mir seine Mutter, sie habe einst auf seine Fürsprache einem Bettler Brod geben wollen und sich angeschickt, ihm ein Stück von einem Laibe abzuschneiden. Da sei ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflüstert: „Mama, die Thür steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen ganzen Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst ihm denselben ganz geben)."

Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstösst einerseits gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber überrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld. Wir lachen über die Aeusserung — aber zugleich ist uns auch vor Rührung das Weinen nahe. Indem nämlich jene hohe kindliche Reinheit in uns das Gefühl unserer eigenen Erbärmlichkeit und berechnenden Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschämt und durch die Wucht jener Ideen gewissermaassen erdrückt. Dadurch wird aber auf Seiten der unser Selbstgefühl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht erzeugt, — aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. —