Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den *Humor* kurz erwähnen, der als nächster Nachbar neben dem Komischen eine Form für sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rührende sich in etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund erhält. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten Uebergang vom Lachen ins Weinen („er lacht mit dem einen Auge, während er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch bei ihm als Erreger des angenehmen Gefühls die höchsten, sittlichen und religiösen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum Naiven, völlig bewusst, ja willkürlich. Er beruht ganz und gar auf einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er bringt vorsätzlich,
[1] Lazarus l. c.
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oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen Vorliebe das ihm entgegentretende Alltägliche, Kleine, Niedrige, Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und religiösen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm ein unangenehmes Gefühl, andererseits aber entsteht dadurch, dass der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst wird, ein angenehmes Gefühl. Behält das Letztere das Uebergewicht, so erzeugt sich der komische Affect, während der rührende Affect dann entsteht, wenn wir lebhaft fühlen, dass unser eigenes Thun und Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die beiden Formen des sogenannten versöhnten Humors. Es kann nun aber auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine Ideale kämpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekränkt wird, — und an Allem verzweifeln möchte: dann entwickelt sich der unversöhnte Humor, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist als erste Stufe dem versöhnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, „aber es ist nicht die einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat". Dass die Humoristen bei all' ihrer Gemüthlichkeit, sehr häufig eigentlich, unglückliche Menschen sind, erklärt sich daraus, dass sie für Alles in der Welt vorgehende Widrige, für alle kleinen Leiden des Lebens ein viel feineres Gefühl haben als andere Menschen, und sich doch meist ihren Idealen gegenüber selbst klein fühlen. Daher haben die meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie. Aber selbst über diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso auch Hamlet, der in vielen Scenen den unversöhnten Humor erkennen lässt. Ich erinnere an die Scene vor Aufführung des Schauspiels bei Hofe, wo er zu Ophelia sagt: „Was sollte ein
[1] Erhab. u. Komische p. 215.
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Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergnügt meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gnädigster Herr. Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen! ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. — Weitere Repräsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenkäs etc., vor Allen auch Sterne in seinem „Leben und Meinungen Tristam Shandys."
Neben dem bisher dargestellten subjectiven Humor, „wo eine selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen objectiven Humor, „wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z. B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. „Er spricht von Ehre, Muth etc., stellt den König dar, wie er Heinrich straft etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee Kennender und Zeigenden. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je angelegentlicher er dagegen kämpft" [2].
Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen
Thema zurück, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.
*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*