Der Reiz nämlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der Peripherie aus seinen gewöhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum (durchs Rückenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein kam, innerhalb des Rückenmarks durch Vermittlung verbindender Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven über. Dieses „Sichumsetzen" (Zurückstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt man Reflex und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen Reflexbewegungen.
In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf den Bewegungsnerven über, sondern ein Theil desselben setzt seinen Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem Bewusstsein übermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen ganz andern Punkt gelenkt, wenn während Schlaf und Ohnmacht das Bewusstsein unzugänglich, oder endlich wegen krankhafter Störungen im oberen Theil des Rückenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert ist. Am einfachsten und besten kann man
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diese Verhältnisse an Thieren künstlich erzeugen, indem man ihnen durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn völlig nimmt, was namentlich bei Fröschen am leichtesten ausführbar ist.
Beim näheren Studium der Reflexbewegungen drängt sich besonders eine interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nämlich fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmässigkeit auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte, scheinbar vernünftige und überlegte Beziehungen treten, während ja doch thatsächlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung des verletzten Körpertheiles aus dem Bereich der Schädlichkeit oder die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Körper zum Zwecke. Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel, durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Körper aus der Nase u. s. w. Vorzüglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollständiger zu Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmässigkeit seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den Physiologen ein Streit darüber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn und nicht auch das Rückenmark des Frosches mit einer Seele begabt sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht von der Seele im Rückenmark zu; während Professor Goltz, dem wir nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken, sein entschiedener Gegner Wurde.
Ich glaube, dass Goltz mit der Zurückweisung der Rückenmarksseele völlig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lässt, dass die Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz täuschend dem Product einer vernünftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so schlägt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite; bestreiche ich seine Haut mit Essigsäure, so macht der Frosch alsbald Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese
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Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch stärker ausgeübt wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten Körperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an den Leib festnäht, die Möglichkeit, mit diesem die zuächst versuchten Bewegungen auszuführen, so sehen wir, wie das Thier nach einigen fruchtlosen Bemühungen das andere Bein zur Hülfe nimmt.
Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch anführen, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise interessiren und für welche auch die oben angeführten Beispiele gelten, gehört namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen, sog. Reflexkrämpfe, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h. Schreien und Schluchzen) und Gähnen allgemein bekannt sind. Es liegt nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen bestimmten, vernünftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in der That die Zweckmässigkeit des Niesens schon anerkennen müssen, indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige Luftstrom offenbar die Aufgabe erfüllt, den die Schleimhaut reizenden Körper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch die gewaltsamen krampfartigen Athemstösse die Ausstossung von Schleim und Staubpartikelchen aus der Luftröhre erfolgen. — Es werden diese Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe auch einen gewissen Einfluss auf sie ausüben kann), sie sind auch ferner im Gegensatz zu den sog. „Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhängiges Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim Niesen nicht Kraft genug haben würde,
[1] Beiträge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des Frosches. Berlin 1869.