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ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzündliche oder sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftröhre selbst entstanden sind, welche durch die Hustenstösse nicht entfernt werden können. Es beruhen die Reflexkrämpfe also so zu sagen auf einem blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so einfach und zweckmässig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem Nachdenken ihn nicht erfinden würde: „Man frage Jemand, wie er es anfangen würde, sagt Lotze, um einen fremden Körper aus der Luftröhre zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf Tracheotomie (Eröffnung der Luftröhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei daher, fährt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig Antheil unsere Seele an der zweckmässigen Einrichtung jener Bewegungen habe, sehe man daraus, dass wir dieselben oft gar nicht begreifen, nachdem sie da sind (noch weniger natürlich sie erfinden würden).

Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn wirklich nicht im Stande sind, auch die übrigen der oben genannten Reflexkrämpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit in ähnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklären? Die Literatur gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein — nach meinem Urtheil jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den ich später zurückkommen werde. — Es liegt auf der Hand, dass eine richtige Beantwortung und Lösung dieser Frage zunächst von grösstem physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angeführten respiratorischen Reflexkrämpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Gähnens werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte, sensible Nerven, sondern auch

[1] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195. [2] Wagner's Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel Temperament.

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durch gewisse psychische Zustände ausgelöst. Gelingt es nun, den Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen, sofern sie nach bekannter und experimentell zugänglicher Reizung sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit unbedingt ein höchst interessantes Streiflicht auf die psychischen Zustände fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage gewinnen könnten.

Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen und war selbst überrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine völlige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. — Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit entfernt etwas Zufälliges oder „angewöhnt Willkürliches" [1] zu sein, vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte materielle Aufgaben erfülle, andererseits aber auch das Lachen über komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten müsse, indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemüth (physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Veränderungen hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp. Schreien), sofern es durch körperlichen Schmerz und psychische Rührung, vom Gähnen, sofern es durch körperliche Abspannung und Langeweile entsteht. — Die Methode der Untersuchung, die zu diesen Resultaten führte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunächst nur mit dem Lachen beschäftigen wollen.

[1] Harless l. c. p. 571.

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*A. Physiologischer Theil.*