endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica (hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er statt des galvanischen Pinsels andere leichte Hautreize wie Senfspiritus im ersten Stadium der Einwirkung, Eintauchen in warmes Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine Verengerung der Blutgefässe. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen, das gewonnene Resultat klar.
Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine Verengerung der Blutgefässe an fernliegenden Organen beobachtet, und es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes „Umsetzen" des Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden müssen. Die hier in Thätigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefässe, welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefässrohres verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven, welche zum grössten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere Organe versorgt) verläuft. Wir haben es hier also mit einer Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses Nerven auftreten sehen, d. h. zunächst Verengerung der Gefässe, namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren kleinen Arterien.
Für stärkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a. Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine Verengung der Gefässe der weichen Hirnhaut zur Folge haben. — Es fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorübergehender Hautreiz wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der
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geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr bequemes und leicht zugängliches Beobachtungsobject in der Pupille dar. Ich erwähnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der Gefässmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt. Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefässe eine Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt können wir in der Regel aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen) Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der Gefässe zurückschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich folgendes höchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende Experiment an.
Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson, welche mit ihren Augen einen Punkt unveränderlich fixiren muss, an einer besonders reizbaren Stelle (Ohr, Volarseite des Vorderarms oder Fusssohle) und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang überzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der Pupillen. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment fast immer und versagt nur nach öfterer Wiederholung, wobei aber auch gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit für den Kitzel abgenommen hat. Bei älteren Personen, deren Pupillen überhaupt träge reagiren, sah ich die Wirkung öfter ausbleiben.
Wir können aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und somit auch die für leichte Hautreize schon von Naumann constatirte Verengerung der Gefässe nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel eigenthümlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der Erweiterung der Pupille und dürfen demnach auch eine schwankende Verengerung der Gefässe erwarten.
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Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Veränderungen der Gefässe sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren müssen, so werden natürlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzüglich davon betroffen werden — so namentlich das Gehirn. Es ist aber eine bekannte Thatsache, dass Circulationsveränderungen gerade im Gehirn unter Umständen von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie hier, plötzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbeträchtliche Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefässe die daraus etwa entstehenden Gefahren noch vergrössert, leuchtet ein. Ist es schon an sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwärtig, dass länger dauerndes Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen gleichgültigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausübt, so dürfte die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders gefährdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem Umstande, dass das Gehirn, in der völlig abgeschlossenen starren Schädelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten Gefässdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine Compression seiner Elemente erfahren müsste, während umgekehrt bei negativen Schwankungen im Gefässsystem eine plötzliche nicht minder gefährliche Druckentlastung eintreten würde. Die Grösse der hieraus zu fürchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die Natur bei der Organisation des Gehirns gerade für diesen Fall nicht durch eine, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunächst ist durch die grosse Geräumigkeit des Venensystems innerhalb der Schädelhöhle der Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermöglicht wird, während umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rückstauen des Venenblutes zur Ausfüllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen
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