Der Stiefsohn des Herrn Riemermeister Wimmer, Freund Köhler, welchen ich schon gleich nach meiner Ankunft in Amerika, zu Newark besucht und mit Briefen aus der alten Heimath erfreut hatte, nahm mich zum zweiten Male herzlich auf und war hoch erfreut, daß ich Wort gehalten und ihn nach vollbrachter Reise, wie ich versprochen, wieder aufgesucht habe und nun über Alles berichten konnte.
Dieser Landsmann war noch am Ausgange der Zeit, in welcher in Amerika leichter wie jetzt Geld verdient wurde, hier angekommen, und hatte sich nicht allein auf sein Riemergeschäft durch Fleiß und Sparsamkeit ein hübsches Sümmchen erworben, sondern auch durch seinen sittlichen Lebenswandel die Zuneigung und das Herz einer jungen, hübschen Wittwe zu erobern verstanden, durch welche er in den Besitz eines Hauses gelangte; doch auch ihn trafen des Schicksals Schläge, und das Eigenthum wurde durch die Flammen vernichtet, so daß nur die Baarschaft gerettet werden konnte.
Das Aufblühen der Fabrikstadt Newark, welches mehr und mehr Menschen von New-York dahinzog, bestimmte ihn, daselbst eine Wohnung zu renten (miethen) und ein Kosthaus zu etabliren, welches bald durch seine Bekanntschaft mit vielen Arbeitern, verbunden mit Reellität, eine nicht unbedeutende Anzahl Kostgänger erhielt. — Das Verdiente im Kasten aufzubewahren, hielt er nicht für räthlich, eben so wenig glaubte er solches auf einer Bank sicher untergebracht und folgte daher dem Beispiele vieler Anderer, indem er Lotten (Bauplätze) kaufte, welche zwar schon hoch im Preise standen, aber noch täglich an Werth zunahmen. Doch schnell, wie ein Zauberschlag, wovon man sich bei uns keinen Begriff machen kann, trat ganz unerwartet eine Stockung im Geschäftsleben ein; mehre große Bankerotte folgten kurz auf einander, wodurch im Drange der Umstände viele Fabriken das Geschäft ganz einstellen oder bedeutend vermindern mußten, und so mit einem Male Tausende von Fabrikarbeitern, welche Zahl die verabschiedeten Arbeiter an Neubauten, wovon ganze Straßen in Newark im Angriffe waren, noch vermehrten, nun ohne Verdienst umherirrten, nicht wissend, von was sie leben sollten, da selten der Amerikaner aus der arbeitenden Klasse auf einen Nothpfennig bedacht ist, und eben so schnell wieder vergeudet und auf seine Kleidung verwendet (da in letzter Beziehung kein Stand dem andern nachstehen will), was er die Werktage über verdient hat. Die unausbleibliche Folge war, daß auch die Lotten täglich mehr im Werthe sanken, da Viele nothgedrungen, solche wieder veräußern mußten, selten einen Käufer fanden und mit 90 pCt. Verlust ihren vermeinten Reichthum in andere Hände übergehen sahen. Auch meinem Freund Köhler traf dieses Loos, da viele seiner Kostgänger, außer Stande zu zahlen, sich heimlich davon gemacht und nicht unbedeutende Schulden zurückgelassen hatten. So sah sich derselbe zum zweiten Male ohne Schuld vom Schicksale verfolgt und so um das Seine betrogen. Doch immer rührig und unverdrossen, und eine Frau zur Seite, die ihn treulich unterstützte, brachte er sich und seine Familie rechtlich durch und von Neuem wurde der Anfang gemacht, auch den Kindern Etwas zu erübrigen, da er durch Schaden klüger geworden, seinen Kostgängern nicht mehr kreditirte.
Newark ist sehr großartig angelegt, besitzt meist breite Straßen, worunter sich besonders die Marktstraße auszeichnet, auch eine Anzahl schöner Gebäude. Doch verriethen dem Fremden mehre Ruinen neuer im Aufbau gewesener Häuser, daß sich die Stadt nicht wieder erholt habe und ihre jetzige Geschäftsthätigkeit in keinem Verhältnisse zu der frühern Zeit stehe. Ueberall, wo man hinkam, hörte man über schlechte Zeiten und den zunehmenden Verfall der Fabriken klagen.
Durch Freund Köhler und dessen Bruder, welcher bei Ersterem mit boardet (in Kost war), bin ich in verschiedene Fabriken und Werkstellen eingeführt worden, von denen mich besonders eine patentirte Schneiderscheeren-Fabrik interessirte, da ich hier die nothwendigste Waffe dieser edlen Zunft in der größten Vollkommenheit zu sehen Gelegenheit hatte. Das gußeiserne Scheeren-Gestelle, welches genau nach Form und Lage der Hand abgepaßt war, beschwerte die Hand des Zuschneiders während des Gebrauches nicht im Geringsten, wie solches bei unsern gewöhnlichen Scheeren der entgegengesetzte Fall ist und deshalb der Handgriff mit Anschrode umwunden werden muß. Dabei besaß ein solches Instrument nach dem Zunftausdruck: eine solche Eleganz, daß man sich darin spiegeln könne, und eine Schneide, welche nichts zu wünschen übrig lasse.
Mancher Feuerarbeiter, der dieses liest, wird freilich staunen, wenn er von Gußgestelle und guter Schneide hört; doch dieses Räthsel wird dadurch gelöst, daß die hier arbeitenden Amerikaner verstehen, Gußeisen mit dem besten Stahl zu belegen und eine Schweißstelle zu verfertigen wissen, welche dem forschenden Auge nicht leicht sichtbar ist. Gern hätte ich eine Scheere angekauft und als Muster mit in die Heimath gebracht, da aber eine solche 6–8 Dollars kosten sollte, so hielten mich triftige Gründe davon ab.
Auch die Herren Fußbekleider finden hier die hohe Schule, da eine einzige Schuh-Manufaktur jährlich 60,000 Paar Schuhe verfertigt, doch diese nicht nach unserer Manier zusammennäht, sondern zusammennagelt. — „Ho, Ho!“ werden unsere deutschen Meister ausrufen: „das muß eine schöne Arbeit seyn!“ und dennoch kann ich versichern, daß sowohl die Façon, wie die saubere Arbeit selbst, vollkommen befriedigt, und der Amerikaner, welcher vom Ausbessern und frischen Besohlen, nichts weis, sondern seine unbrauchbar gewordene Fußbekleidung sofort mit neuer wechselt, bevorzugt solches genagelte Schuhwerk dem anderen, da dieses an Haltbarkeit jenes weit übertreffen soll.
Die mittelst einer besondern Vorrichtung zugeschnittene Sohle erhält durch eine andere Maschine ringsum am Rande drei Reihen regelmäßig geordnete Löcher, in welche ein anderes Kunstwerk kleine Blechnietchen einsetzt. Ist das Oberleder durch Ueberziehen auf eiserne Formen in Façon gebracht und der Rand mit schmalen Lederstreifen belegt, so wird die Sohle aufgepaßt und das Ganze kömmt nun in einen besonderen Mechanismus, durch welchen, indem mehre ringsum befindliche Schraubestöcke zugleich das Oberleder und die Sohle fassen, bewirkt wird, daß sich die Blechnieten in den doppelten, einwärts gekehrten Rand des Oberleders drücken, und gleichzeitig die inwendig hervorragenden Seiten umgeben und vollkommen platt pressen. Zwölf bis sechszehn Menschen wird es durch diese Vorrichtungen möglich gemacht, täglich 200 Paar Schuhe bis zum Verkauf anzufertigen, welche im Handel mit 2½–3 Dollars bezahlt werden.
Wie nun in Amerika immer ein Geschäft dem andern in die Hände zu arbeiten pflegt und man Reellität nur dem Namen nach kennt, so sorgen auch in diesem Artikel die Herren Gerber dafür, daß eine an sich starke Sohle, welche nicht, wie dieses mitunter bei uns der Fall ist, mit Schuhspahn kunstgerecht gefüttert worden ist, dennoch bald den Weg alles Fleisches geht und der Nachfolgerin Platz zu machen sucht. — Das Garmachen der Häute wird hier, im wahren Sinne des Wortes, mit Dampf betrieben, da man die Häute nicht, wie bei uns, schichtweis aufeinander in die Gruben zur jahrelangen Aufbewahrung legt, wie es ein gut zubereitetes Leder verlangt, sondern solche auf Stangen in die Behälter hängt, und die Lauge, welche die Felle umgiebt, mit Dampf immer in den bestimmten Wärmegraden zu erhalten sucht, wodurch es möglich wird, daß eine so behandeln Kuh- oder Ochsenhaut nach 6–8 Wochen als fertiges Leder zum weitern Verbrauch in den Handel kommen kann. Wie es dabei mit der Güte der Waare aussieht, darüber werden wohl Sachkenner am besten urtheilen können. Doch darnach fragt der Amerikaner nicht, wenn nur das im Geschäft steckende Kapital schnell wieder umgesetzt wird.
Hier wurde mir auch eine Splitmaschine gezeigt, welche die Häute in 6–8 Theile spaltet, und solche unversehrt zum schwächsten Leder fertigt.