Der Stand meiner Kasse war ziemlich erschöpft und erlaubte nicht, ein Gasthaus in Brunswick zu beziehen; ich verließ daher gegen Abend noch die Stadt, um Nachtquartier bei einem gastfreundlichen Landmanne zu suchen. Doch Fortuna war mir nicht hold, Gott mochte wissen, mit was ich das Weib schon wieder einmal erzürnt hatte. Schon zweimal von Farmern abgewiesen, wurde beschlossen, da die Nacht eben nicht kalt war, unter freiem Himmel zu campiren und eine Hafermandel gleich einem Kanninchen zu beziehen.
Was ist doch der Mensch nicht für ein närrisches Geschöpf; entweder ist er bestimmt, die höchsten Stellen im Leben zu bekleiden und auf seidenen Matten zu ruhen, oder unbeachtet und vom Geschick bis zur Lagerstelle des Thieres auf dem Felde verwiesen.
Hatte ich auch Ruhe hier vor den Wanzen, dem häßlichen Ungeziefer, welches überall in den Vereinigten Staaten heimisch ist, so stachelten doch die Strohhalme um so empfindlicher an Kopf und Gesicht, da der Nachtthau nöthigte, mich tiefer zu verscharren und eine Decke zu bilden. An Schlaf war nicht zu denken; der rege Geist schweifte aus der Vergangenheit in die Zukunft über, und aus meiner Jugendzeit, die ich auf der Wanderschaft verlebt und auf derselben viele Nächte auf hartem und unbequemem Lager zugebracht, stellte sich manche Scene lebhaft dem Gedächtnisse vor. — Wer hätte mir vor 23 Jahren in der Hungerzeit 1817, wo ich als Bäckergeselle ohne Erlaubniß Rußlands Gränzen überschritt, und dafür mit meinen drei Reisegefährten, auf Stroh gebettet, mit dem Kantschu gestriegelt ward, oder, nachdem ich das Geschäft changirt, im Jahre 1822 als Kupferschmidt auf der Wanderschaft nach der Türkei begriffen, in Ungarn die Bekanntschaft der Wölfe machte, auch später staunend den Rheinfall bei Schaffhausen als etwas Großartiges bewunderte — wer hätte mir zu jener Zeit voraussagen können, daß ich in Amerika noch Manches sehen, noch Vieles erfahren würde, was meine frühern Lebensereignisse in den Hintergrund verdrängen könnte? Doch, je mannichfaltiger die Gegenwart sich um mich gestaltete, um so mehr wurde die Neugier auf die Zukunft gesteigert, und was mag wohl das Schicksal mir noch alles aufgespart haben, bevor die Pilgerschaft in dieser Welt vollbracht, und ich hingehe in das Reich, von wo aus den Hinterbliebenen keine Reiseberichte zugeschickt werden können.
Der freundliche Morgen schaute schon in meine Strohhöhle hinein, als ich, der erst spät entschlummert war, von dem Gerassel vorbeifahrender Wagen geweckt wurde. Schnell war die Toilette gemacht, das Reisegepäck geordnet und von dem Nachtquartier Abschied genommen, bei welchem kein gefälliger Wirth, von handausstreckenden Marqueuren umgeben, glückliche Reise und baldiges Wiederkommen wünschte. Was mögen wohl beim Auffinden des leeren Nestes die Amerikaner gedacht haben, da dergleichen Acquisitionen hier nicht, wie es häufig bei uns geschieht, vorkommen? —
Der hungerige Magen und der schlaffe Geldbeutel spornten zur Eile, da bis Newark nicht eingekehrt werden durfte, und jemehr man sich den Hafenstädten näherte, um so mehr pflegte die Freigiebigkeit der Menschen abzunehmen.
Neununddreißigster Brief.
Aufenthalt in Newark.
Im August 1840.