In Trenton, der Hauptstadt vom Staate New-Jersey, führte mir der Zufall einen Dresdner, von Profession ein Schneider, wieder zu, welcher in den Freudentagen zu New-Orleans, wo auf Regiments-Unkosten gelebt wurde, eine Hauptrolle spielte. Von diesem erfuhr ich, wie sich der Geschäfts-Zustand nach meiner Abreise zur See um nichts gebessert, täglich der Arbeit Suchenden mehrere geworden, und Vielen durch Veräußerung ihrer Sachen es erst möglich geworden sey, die Reise nach St. Louis zu machen, wo sie jedoch aus dem Regen in die Traufe gerathen seyen. Ihm selbst sey, im Besitz der englischen Sprache und einiger musikalischen Kenntnisse (die Guitarre führte er immer bei sich), das Weiterreisen nach den nördlicher gelegenen Staaten weniger schwer geworden und er wäre jetzt im Begriff, in Philadelphia sein Glück zu suchen, da er dasselbe in New-York ebenfalls nicht gefunden habe. — Dies passirte einem Schneider, sonst eines der besten Geschäfte in Amerika, welcher im Besitz der englischen Sprache, von angenehmem Aeußern, und dabei eine Kunstfertigkeit besaß, die nicht allen seinen Zunftgenossen eigen ist, wovon ich mich, während unseres Zusammenwohnens in Orleans, zu überzeugen Gelegenheit hatte.

In der Stadt Trenton, mit 3000 Einwohnern, ist außer dem Court-House nichts besonders Merkwürdiges zu sehen, was mir aufgefallen wäre; sie besitzt nur eine lange breite Hauptstraße mit wenig Querstraßen und unter den großen steinernen Häusern zeichnet sich besonders das State-House und das Bankgebäude aus. — Um so merkwürdiger ist aber die nach besonderer Konstruktion über den 1000 Fuß breiten Delaware-Fluß errichtete bedeckte Brücke. In acht großen, 36 Fuß breiten und 135 Fuß weiten Bogen, welche das Dach der Brücke tragen, hängt zugleich die Brücke selbst. Jene Bogen, aus fünf oder sechs übereinander gelegten, drei Zoll starken tannenen Bohlen gebildet, ruhen mit ihren Enden auf großen Pfeilern, welche sich über 40 Fuß hoch aus dem Flusse erheben. Die Brücke selbst liegt auf Querbalken, welche starke eiserne Stangen-Bolzen mit den hohen Bögen verbinden. Längs der Mitte theilt eine Scheidewand die Brücke in zwei Hälften, wodurch nicht allein zwei Fahrstraßen gebildet werden, von welchen der Fuhrmann die zur Rechten einschlagen muß, wie die Ueberschrift an beiden Einfahrten besagt, sondern sie trägt auch die unter ihr liegenden Balken mit, und giebt so dem Baue eine noch größere Festigkeit.

Beim Passiren der Brücke wurde mir eine nicht geringe Verlegenheit bereitet, als 10 Cent. Wegegeld verlangt wurden und meine ganze Baarschaft nur noch in einer Zwei-Dollar-Note bestand. Um mir diese Ausgabe zu ersparen und hier nicht wechseln zu müssen, schützte ich vor, nicht im Besitze irgend einer Geldsorte zu seyn, und bat deshalb um freien Durchlaß. Doch alle in deutscher und englischer Sprache gethanen Vorstellungen halfen nichts, keine Grimasse war im Stande die Herzen zu rühren, und so stand ich wohl eine halbe Stunde lang wie ein Narr, unschlüssig, was ich thun oder lassen sollte. Ich hätte die Kerls, welche den Weg verrammelten, umbringen können. Die Note, meinen letzten Reichthum, jetzt hervorzuholen, war um so weniger räthlich, weil ich dadurch zeigte, daß ich die Geldeinnehmer nur zum Besten gehabt, und dann gewiß ein Paar amerikanische Rippenstöße auf den Weg gratis erhalten haben würde; wer mag wissen, wie lange ich noch wie ein armer Sünder an diese Stelle gebannt gewesen wäre, wenn nicht ein in einem Cabriolet ankommender Gentleman meinen Zahlmeister gemacht hätte.

Die Gegend bis New-Brunswick ist hügelig und größtentheils waldig, doch längs der Straße gut angebaut, und überall wechseln große Meierhöfe mit kleinen Farmen ab.

In Princeton, einem noch wenig ansehnlichen Ort, welchen man auf der Tour nach ersterer Stadt passirt, befindet sich eine Hochschule, die für eine der vorzüglichsten in den Vereinigten Staaten gehalten wird und von mehr als 200 Studirenden besucht werden soll.

Kingston dehnt sich längs der Straße in einer doppelten Häuserreihe aus, und gewährt dem Reisenden eine freundliche Ansicht. — Am Ende des Ortes traf ich einen Quacksalber am Chausseegraben sitzend, beschäftigt, die in Unordnung gekommenen Pillen, Latwergen, Wundertropfen und sonstigen Universalmittel wieder zu ordnen, da sein Medizinkasten, welchen er gleich einer Drehorgel trug, eher vom Wagen, auf welchen ihn ein mitleidiger Farmer bis hieher mitgenommen, die Erde erreicht hatte, als er selbst. So bedauerlich auch dieser Vorfall war, so konnte ich mich doch des Lachens nicht enthalten, als ich ihm behende die übrigen Tropfen aus verschiedenen zerbrochenen Gläsern in unversehrt gebliebene leere Fläschchen durcheinanderfüllen sah, woraus ein Tränkchen bereitet wurde, welches gewiß mit einem Male von Zahnschmerz, Magendrücken und Podagra geholfen hat. Dieser Deutsch-Amerikaner verleugnete anfänglich sein Vaterland, wie es gewöhnlich die Deutschen, wenn sie der englischen Sprache erst kundig sind, an der Mode haben; da er aber in mir einen Weimaraner erkannte, und er aus Leipzig abzustammen vorgab, so öffneten sich die Herzen, und nachdem er einige meiner amerikanischen Affairen vernommen hatte, so theilte auch er mir mit, daß er eigentlich ein gelernter Haarkräusler sey, bei seiner Ankunft in New-York aber auf sein Geschäft kein Unterkommen gefunden, und daselbst die sich darbietende Gelegenheit benutzt, in einer Barbierstube die vakante Stelle eines Barbierbeflissenen einzunehmen, weshalb er Kamm und Scheere dem Rasirmesser untergeordnet habe. Während seiner Condition in Lancaster sey ihm beim Herausnehmen eines Zahnes, in dem Patienten die Bekanntschaft eines herumreisenden Wunder-Doktors geworden, und dieser habe ihn bestimmt, einen ähnlichen Erwerbszweig zu ergreifen, der mehr als Kamm, Scheere und Rasirmesser zu rentiren verspreche. In New-York habe er sich mit dem Nöthigen versehen und sey eben auf der Reise nach Pennsylvanien begriffen; leider gebe aber der heutige Unfall nicht die besten Aspecten für die Zukunft.

Hierbei erlaube ich mir eine interessante Bekanntmachung aus Gall’s Reisebericht anzuführen, woraus man sehen kann, wie ausgedehnt mancher Quacksalber hier sein Geschäft betreibt: „Herr T. W. Dyott, der bei seiner Ankunft in Philadelphia das bescheidene Gewerbe eines Schuhputzers trieb, dann Schuhwichse fabrizirte, versendet gegenwärtig täglich ganze Ladungen von Arzneien nach allen Richtungen ins Innere des Landes bis nach Pittsburg, von wo sie auf dem Ohio, dem Mississippi und Missouri zum Theil über 2000 Meilen weit verschifft werden. Dieser Wunderdoktor kündigt in der Union und in der United-States-Gazette, indem er sich einen grand-son of the celebrated Dr. Robertson (Enkel des berühmten Dr. Robertson) nennt, 147 verschiedene Salben, Pillen, Tränkchen, Pflaster, Tropfen, Oele, Tinkturen gegen alle wirklichen und noch möglichen Feinde der menschlichen Gesundheit an. Eine große Anzahl dieser Universalmittel gegen alle nur erdenklichen Zahn-, Ohren-, Augen-, Lungen-, Magen-, Nerven-, Gallen-, Leber-, Nieren- etc. Uebel, führen des Herrn Doktors eigenen Namen, z. B. Dr. Dyott’s infallible patent tooth-ache-drops. (Dr. Dyott’s unfehlbare Patent-Zahnschmerzen-Tropfen), welche er, als eine eigene Erfindung, vermöge eines Patents vierzehn Jahre lang allein fabriziren darf. Auch wer Schönheit und blühende Farbe bis ins späteste Alter erhalten will, wird in seinen Anzeigen das dazu Nöthige finden.“ Nach den blassen Leichengesichtern der Amerikaner aber zu urtheilen, scheinen diese Mittelchen bisher noch nicht die erwünschte Vollkommenheit erreicht zu haben.

New-Brunswick, am Rariton-Flusse, ist schon eine ansehnliche Stadt mit einer breiten Hauptstraße, welche von andern weniger breiten im rechten Winkel durchschnitten wird. Die Häuser sind meist von Stein aufgeführt, und geben durch ihre Größe dem Ganzen ein imposantes Ansehen. Die Umgebung des Orts ist äußerst reizend, gut angebaut und mit netten Landhäusern verziert. Ueber den Fluß führt eine hölzerne Brücke, welche gleich der bei Trenton für die Fuhrwerke in zwei abgesonderte Wege getheilt ist.