Dagegen sieht man staunend, was der Mensch vermag, wenn er muß.

Zwei Häuser unter unserer Brennerei wurde ein nicht mehr zum Geschäft benutztes Zuckersiederei-Gebäude abgetragen, um auf dieser Stelle ein großes Wohnhaus aufzubauen. Schon die Art und Weise des Einreißens war mir neu. Nicht bedächtig, wie bei uns, wurden Sparren, Balken und Bleichen eingenommen und zum weitern Gebrauche einstweilen bei Seite gesetzt; sondern dieses große Gebäude wurde für vogelfrei erklärt, so daß mit einem Male eine Masse Menschen darüber herstürzten, und binnen kurzer Zeit nichts mehr vom Holzwerke zu sehen war. Mit wahrer Verwegenheit riskirte man dabei das Leben, denn während die Umfassungsbleichen herabgeworfen wurden, suchte unten Einer dem Andern die Stücke zu entreißen.

Auf meine geäußerte Verwunderung, daß man dieses Holz so Preis gebe, wurde mir gesagt, daß das Wegreißen und Wegschaffen des alten Bau-Materials durch bezahlte Leute mehr Arbeitslohn betragen würde, als die Sachen selbst werth seyen, daher man, um sich dieser Ausgabe zu entledigen, zwei Wege wähle, entweder man brenne so eine alte Holz-Baracke, welche einem steinernen Hause Platz machen solle, nieder, oder gebe, wie ich eben jetzt gesehen, das Gebäude zum allgemeinen Besten. Das Erstere gewähre noch den Vortheil, daß man aus der Brand-Assekuranz ein Sümmchen zu heben habe, und deshalb die täglichen Feuerunglücke, oder besser Glücksfälle, da die Sachen in verschiedenen Anstalten hoch genug versichert seyen, entständen. — Eine nachahmungswürdige Sache!

Die Gelegenheit, einen solchen Neubau ganz von vorn herein entstehen zu sehen, kam mir recht zu Passe, und jede Stunde, welche ich bei meinen Leuten abkommen konnte, ward benutzt, mich mit der amerikanischen Manier zum Bauen bekannt zu machen.

Wie das Niederreißen, ebenso waren die Erdarbeiten von den unsrigen verschieden. Keine Schuttkarre, durch Menschen gefahren, kömmt in Anwendung, um damit das Erdreich aus der Vertiefung auf einen Haufen zu fahren, und da fest getreten, solches von Neuem aufzuhacken und zum weitern Transport auf Wagen zu laden, welche, wie bei uns, mit 1½ Bret versehen, sich besser zu Stein- als zu Schutt-Fuhren eignen, sondern man bedient sich hierzu zweckmäßiger, einspänniger zweirädriger Karren, welche rund herum gut verwahrt, das bestimmte Quantum aufnehmen müssen und solches, ohne halb auf der Straße zu verlieren, sicher auf den bestimmten Platz befördern. Die Fuhrleute, welche selbst für die nöthigen Gehülfen zum Aufladen zu sorgen haben, fahren sogleich auf den zum Ausgraben bestimmten Platz, und suchen sich mit der zunehmenden Tiefe die schräge Ausfahrt so lange zu erhalten, bis die Nothwendigkeit eintritt, selbst diesen Weg in Angriff zu nehmen, und das unmittelbare Einladen in die Karren nicht mehr möglich ist, worauf man den letzten Rückstand mit der Schaufel einander zu- und auszuwerfen sucht. Diese Arbeit geht wie Alles, äußerst schnell, da eine gehörige Anzahl Fuhrwerke die zum Aufladen angenommenen Arbeiter immer beschäftigt und der Bau-Unternehmer dabei nichts weiter zu thun hat, als die Anzahl der gethanen Fuhren zu notiren.

Bruchsteine werden wenig zum Bau verwendet, da das Behauen dieses Materials zu theuer ist, und man daher den gebrannten Backsteinen den Vorzug giebt. Eben so wenig wird Lehm, Thon oder gar schwarze Erde, wie es mitunter bei uns geschieht, als Bindungsmittel benutzt, sondern Alles mit Sandkalk gemauert. Das Löschen in Gruben vor dem Verbrauche, wie es bei uns Sitte ist, in der Meinung, daß durch das Auf- und Ausquellen der Kalkmasse das Volumen und die Güte desselben zunehme, stimmt nicht mit der Ansicht des Amerikaners überein. — Ist ein Haufen Sand muldenförmig ausgebreitet, so kömmt der noch ungelöschte, und in Fässern verwahrt gewesene Kalk hinein, wird mit wenig Wasser benetzt, und sogleich, nach Art des Aeschermachens zum Seifenkochen, mit der übrigen Masse bedeckt. Hierdurch, während des Löschens von der Luft abgesperrt, und von einer unnöthigen Wassermasse befreit, glaubt man den Bindestoff der Kalkmasse zu erhöhen, und ist Letztere gut mit dem übrigen Sande vermischt, so hält sich diese bis zum Verbrauche fertige Substanz schmierig und gelind, wie die bei Neubauten vorräthig aufgethürmten Haufen bezeugen.

Das Trommeln auf den Gelten, um das Leerseyn derselben zu bekunden, in welcher Zeit des Füllens der Maurer in der Regel ruht, kennt man ebenfalls in Amerika nicht. Man geht hier von der Ansicht aus, daß die Handlanger nicht deshalb am Baue seyen, um die Arbeit der Maurer zu erleichtern, oder was noch schlimmer wäre, in ihrer Faulheit zu bestärken, sondern durch zweckmäßiges Eingreifen das Ganze zu fördern. Deshalb fallen auch hier die Krahne mit den Seilen zum Aufziehen der Steine und des Kalkes weg, weil schon das Abnehmen auf dem Gerüste die kostbare Zeit eines andern Arbeiter in Anspruch nehmen würde. Jeder, zum Herbeischaffen des nöthigen Materials beauftragte Gehülfe, ist daher mit einem Tragkasten versehen, welcher aus zwei 24 Zoll langen, im Spitzwinkel zusammengenagelten Bretern besteht, die an der Rückseite mit einem Boden und unter der vordern Oeffnung mit einem Stiel versehen sind. Zwanzig Backsteine füllen den Raum des Kastens und mit solchen auf der Achsel, steigt der damit Befrachtete auf der schwankenden Leiter bis in die obersten Stockwerke des Gerüstes, wo er seine Last zwischen die alle 8–10 Fuß von einander aufgestellten Sandkalk-Kasten niederlegt, oder die Letztern mit neuer Masse speist, da es den mit Mauern Beschäftigten nie an Material fehlen darf.

Nur solche Ziegelsteine, welche zum Belegen von Trottoirs gebraucht werden, haben die Größe, daß zwei genau so breit sind, wie einer lang ist. Mauer-Backsteine sind aber etwas schmäler, welches den Vortheil gewährt, daß man ein, sich dem festen Lager der Ziegel entgegenstemmendes Sandkorn in der Kalkmasse, nicht wie bei uns, mit den Fingern herauszugrübeln nöthig hat, sondern dasselbe mit dem Steine zwischen die Fuge schiebt, wo es ohne zu geniren, Platz findet.

Die Kelle, welche den Hammer mit ersetzt, ist während des Gebrauches wie in die Hand gewachsen, und der Arbeiter trägt mit derselben sogleich in der ganzen Länge der ihm angewiesenen Distanz den Sandkalk auf, legt mit der linken Hand den Ziegelstein ein, und während diese Hand wieder nach einem andern Steine greift, streicht die Kelle den an der äußern Seite vorgedrungenen Kalk ab und an die Steinseite an. Diese Manipulation geht so schnell, daß es Einem erklärlich wird, wenn man hört, daß bei solch einer Arbeit ein Mann täglich 3000 Ziegelsteine vermauern muß, um bei Akkord-Arbeit das gewöhnliche Tagelohn zu verdienen. Ja, es ist in New-York allgemein bekannt, daß bei einer Wette an der Wasserleitung ein Maurergeselle von 7–12 und von 1–6 Uhr, 4000 Ziegelsteine kunstgerecht verarbeitet haben soll. Die Entrepreneurs der Bauten stellen an beide Flügel der zu errichtenden Mauer solche Matadore an, welche genau das Loth im Auge behalten, und die längs der Front ausgespannte Schnur bei jeder Backstein-Schicht vorwärts stecken, wodurch die in der Mitte der Mauerfront angestellten Arbeiter immer genöthigt sind, gleichen Schritt zu halten; denn ein Mal zurückgeblieben, ist es keine Möglichkeit, wieder nachzukommen, und so bedingen eine Paar gute Vormänner die Geschwindigkeit, mit welcher die andern Gehülfen arbeiten müssen.

Wie leicht, und mit welcher Kühnheit, zwei und dreistockige Häuser aufgeführt werden, ist erstaunt. Nicht selten sind die Umfassungsmauern im Erdgeschoß zwei, im zweiten Stockwerk 1½ und höher hinauf gar nur einen Backstein stark, und dabei stehen die Mauern nach allen Seiten zu kerzengerade in die Höhe, welches erklären läßt, daß man ein solches Haus, welches zwischen zwei andern Gebäuden eingeklammert ist, ohne eines oder das andere Nebenhaus zu beschädigen, in die Höhe schrauben kann, wie ich weiter unten im Briefe berühren werde. — Gewölbte Keller kommen in der Regel nicht vor, und man begnügt sich, eine Balkenlage, gleich wie in den andern Stockwerken, zu legen; werden jene bei einem Neubau verlangt, so kommen sie vor das Gebäude unter das Pflaster der Straße. Lassen dieses aber Lokal-Verhältnisse, wie Kanäle etc. nicht zu, so bringt man dieselben im Gebäude unter dem Souterrain an, da solches gewöhnlich noch zu bewohnbaren Pieçen benutzt wird. Um das nöthige Licht zu erhalten, ist längs des Gebäudes vier Fuß breit bis zur Souterrain-Tiefe ausgegraben und vor der Grube der Trottoir mit schönen eisernen Spalieren eingefaßt, womit auch die äußern Treppen versehen und verziert sind, welchen Glanz die angebrachten messingenen blanken Knöpfe noch erhöhen. — Bei Gebäuden höherer Stände sind meist auch die Treppen, wie die Thürschwellen und Säulen, wenn nicht gar ein geschmackvoll mit Säulen verzierter Vorbau vorhanden ist, von weißem Marmor aufgeführt.