(Staats-Aemter und Bürgerrecht.)

Im Dezember 1840.

Eines Abends, als ich aus dem noch im Bau begriffenen Brennerei-Lokal nach meinem Boarding-Hause gehen wollte, rief eine Stimme hinter mir zwei Mal meinen Namen, ohne daß ich beim Umsehen Jemand Bekanntes gewahr wurde. Doch, wer stellt sich das Erstaunen und meine Freude vor, als aus dem nächsten Fleischladen ein Weib auf mich zusprang, und während es meine Hände faßte und drückte, erkannte ich die Frau des Meister Fickardt, welche Familie sogleich nach unserer Ankunft in Amerika verschwunden war, wie sich der Leser erinnern wird. Keines von uns Beiden hatte später erfahren können, wo das Schicksal uns hingeführt hatte, und ich mußte sogleich der Frau in ihre Wohnung folgen, um deren Mann, so wie den alten Irrläufer auf der deutschen Reise, den Großvater, zu überraschen.

Diese arme getäuschte Schuhmacher-Familie, welche zur Zeit in einem kleinen Breterhäuschen, nur mit Hausthür und einem Fenster versehen, sich eingemiethet hatte, war bei unserer Ankunft in New-York, wo der Mann auf sein Geschäft kein Unterkommen gefunden, in die größte Bedrängniß gerathen, und hatte sich mit Aus- und Einladen der Schiffe das Nothdürftigste zu erwerben gesucht. Während der Wintermonate aber, wo der Seehandel liegt, mußten Vater und Sohn durch Steineklopfen das ärmliche Leben fristen, und die Frau mit den ältesten Kindern suchte durch Anfertigen kleiner Pappkästchen in eine Matches-Fabrik (Zündhölzer-Fabrik) den Verdienst zu erhöhen. Auch sie beklagten vor Allem die mangelnde Kenntniß der Landessprache, da jetzt, wo die Kinder zur Noth den Dolmetscher machen könnten, das Geschäft auf die Profession schon besser ginge, und in der Zwischenzeit, wenn sonst keine andere Arbeit vorhanden, mit Ausbessern alter Fußbekleidung das zum Leben Nöthige verdient werde. — Da diese meine braven Landsleute und Seereisegefährten nicht weit von dem Brennereigebäude wohnten, so brachte ich manche freie Stunde in ihrer Nähe, uns der lieben Heimath erinnernd, zu. — Hier erfuhr ich auch, daß zur Zeit der Seiler Schmidt mit seinem Ehegespons, da er ebenfalls auf seine Profession keine Arbeit erhalten, in der Matches-Fabrik arbeite, wohin Frau Fickardt ihre Kästchen lieferte.

Während dieser Zeit meines Aufenthalts in New-York nahm der leidenschaftliche Ton der zahllosen Zeitungen, welche sich abmüheten, dem Kanditaten zur Präsidentenstelle kein gutes Haar auf dem Kopfe zu lassen, immer mehr zu, und je näher der Wahlakt herbeikam, um so mehr wurde von Whigs und Demokraten Nichts unterlassen, um die möglichste Anzahl Stimmen zu sammeln, und deshalb im Freien, so wie in Sälen Zusammenkünfte veranstaltet, besondere Lokale hierzu erbaut, und die abscheulichsten Karrikaturen darin aufgehängt, um die Gegenparthei lächerlich zu machen und zu beschimpfen. Doch diese ununterbrochene, zur Gewohnheit gewordene Verunglimpfung und Beleidigung der rechtlichsten Männer, wie sie von der ihnen ergebenen Parthei geschildert wurden, machte solche zuletzt selbst gleichgültig gegen alle Verläumdung, und das Ehrgefühl des besten Menschen muß ersterben, wenn jeder, auch der besten Handlung, eine schlechte Absicht untergelegt wird. — Wahrlich, wem die Gelegenheit wird, hier zu sehen, mit welcher Leidenschaft man den Federkrieg führt, und welcher Mißbrauch mit der freien Presse getrieben wird, der kann unmöglich wünschen, daß Aehnliches bei uns entstehen möge.

Doch nicht allein, daß man dadurch geradezu verfehlt, die Gebrechen des Landes zu heilen, und bei den am Ruder stehenden Männern den Muth und die Lust, das allgemeine Beste zu fördern, erstickt, sondern man lodert auch bei jedem Laien das Feuer auf, welcher glaubt, durch das Zeitungslesen und Politisiren, welches hier zur Tagesordnung gehört, sich auf dem Gipfel intellektueller Vollkommenheit zu befinden und im Stande zu seyn, die tiefsten politischen Untersuchungen anstellen zu können, auch dabei sich erdreistet, den Weg mit vorzuschreiben, welchen die Regierung verfolgen soll.

Für mich, der sich nicht naturalisiren lassen wollte, konnte es ganz gleich seyn, wer den Sieg bei der Präsidenten-Wahl davon tragen würde, weshalb ich auch, um keiner Parthei ungehört das Urtheil zu sprechen, mit umso größerem Interesse Whigs- und demokratische Schriften las. Besonders waren es zwei neue deutsche Zeitblätter: der Wahrheitsverbreiter, in Baltimore erscheinend, welches den Demokraten huldigte, und der Pennsylvany-Deutsche, von einem Herrn Grund in Philadelphia redigirt, welches jetzt den General Harrison, den Whig-Kandidaten, in den Himmel hob, und den derzeitigen Präsidenten, Van Buren, welchem er früher gleichen Weihrauch gestreut, von ihm aber bei Besetzung der Aemter übergangen worden war, jetzt das Verdammungs-Urtheil sprach, und mitunter eine Sprache führte, die an Derbheit nichts übertraf, ja oft bis ins Gemeine herabzusteigen pflegte, wenn von Gegnern gereizt, solchen bewiesen werden sollte, daß, wenn der Wahrheits-Verbreiter an der ersten Lüge erstickt sey, schwerlich die zweite Nummer erschienen seyn würde. Zu diesen zwei Blättern gesellte sich eine dritte neue Zeitschrift: der Wächter am Hudson, in New-York erscheinend, welche zuerst von dem berüchtigten Dr. Frösch, Prediger der Vernunftsgläubigen, redigirt wurde; als dieser aber, um die Kasse vor möglichem Bestehlen zu sichern, die anvertrauten Gelder selbst verthat, so wurde er seiner Stelle entsetzt, und einem andern Herrn, dessen Name mir entfallen ist, die Redaktion übertragen. Nur einen Artikel hebe ich aus dieser Zeitschrift aus, um den theologischen Styl zu zeigen: „General Harrison wurde nicht bloß allen bankerotten und halbbankerotten Spekulanten, allen Geld- und Aemter-Jägern, sondern auch dem ganzen Volke als Heiland und Erlöser angekündigt. Wir, die wir zum ungläubigen Volke gehören, verlangen zur Bestätigung seiner hohen Sendung, das Unmögliche möglich zu machen, ein Zeichen. So that Jesus, so wollen alle Religionsstifter gethan haben. Jesu erstes Wunder war, daß er Wasser in Wein verwandelte; dies verlangen wir nicht von Herrn Harrison, — wir sind ein nüchternes Mäßigkeitsvolk und behelfen uns mit „Hard-Cyder“ (saurer Apfelwein), — namentlich da er so vieler „Improvements“ fähig ist. Alles, was wir von unserm neuen Heilande Harrison verlangen, ist, daß er alle kleinen Noten unter fünf Dollars in Silber, und alle größern Noten in Gold verwandle. Thut er dies, so prophezeihen wir, daß alles Volk anbetend vor ihm niederknieen wird. — Denn wir wissen, wo uns Amerikanern der Schuh drückt, und welches Glaubensbekenntnisses wir fähig sind.“

Bald wird dem unbefangenen Leser beim Studiren dieser Zeitschriften die Ueberzeugung, daß es den Herren Verlegern bei allem Anscheine, den sie sich zu geben verstehen, um das allgemeine Beste befördern zu helfen, doch nur darum zu thun ist, bei dem Wechsel der ersten Staatsämter, da der Präsident, wie die Gouverneure der einzelnen Staaten eine große Anzahl meist gut besoldeter Stellen zu vergeben haben, eine solche zu erhalten, und dieses die eigentliche Triebfeder ist, welche, außer den baaren Zuschüssen von der sich verkauften Parthei, die Zeitungsschreiber und Partheiführer in Bewegung setzt. Gall giebt darüber eine weitere Definition indem er sagt:

„Die wirklichen Beamten, deren Existenz von dem Ausgange der Gouverneurs- oder Präsidenten-Wahl abhängt, sind daher die eifrigsten Mitarbeiter an den Zeitungen, welche für die Wiederwählung des wirklichen Gouverneurs oder Präsidenten Parthei nehmen, und diejenigen, welche die Drucker der Gegenparthei am thätigsten unterstützen, erwarten dafür einträgliche Stellen zum Lohne. Dieses mächtige Reizmittel erklärt am besten die Anstrengungen der Partheieen, welche so weit gehen, daß man einige Monate vor der Wahl neue Zeitungen entstehen sieht, welche nur bis zur Entscheidung des Kampfes um die Herrschaft fortgesetzt werden. — Daß ein Präsident oder Gouverneur bei seinem Amtsantritte alle von seiner Ernennung abhängige Beamten, welche nicht zu seiner Parthei gehören, absetzt und seine Anhänger mit den vakanten Stellen und Gehalten belohnt, findet man gar nicht auffallend. Die Folgen einer solchen Ordnung der Dinge sind unschwer zu würdigen. Jeder benutzt die kurze Glücksperiode der Herrschaft nach Kräften, und die häufigen Untersuchungen gegen Staatsbeamte, deren ich oben erwähnte, haben gewöhnlich Bestechungen und Geldunterschlagungen zum Gegenstande.“

Um dem Leser einen Blick in die amerikanische Staatsverfassung zu gewähren, habe ich, was Bezug auf die Staats-Aemter hat, aus Lem’s Briefen über Amerika entnommen, welcher bemerkt: