Sechsundvierzigster Brief.

Seereise nach London.

Im Februar 1841.

Im Zwischendeck wurde von mir allein eine der untern Schlafstellen bezogen und das Arrangement so getroffen, daß im Lager auch der Koffer und die übrigen Viktualien untergebracht wurden, wodurch die zur Seereise angeschafften hartgebackenen Brode, mit welchen ich mich gehörig versorgt, eine Schanze bildeten, durch welche der große Käse wie eine Bombe hervorschaute, und den genügsamen, an frugale Kost gewöhnten Deutschen vor Hunger schützte.

Vis-a-vis war die junge Amerikanerin gebettet, deren Reize dem neugierigen Blick ein zum Vorhang benutztes Tafeltuch entzog, hinter welchem die Schöne wie in einem Himmelbette ruhte. Durch unsere Lage, nur von einem niedrigen Bret getrennt, konnte ich jedes Ach und O, welches der beängstigten Brust entschlüpfte, deutlich vernehmen, und die Seufzer, wie das ängstliche Wimmern harmonirten trefflich mit einander, wenn das wüthende Element das Leben in Gefahr brachte. Nur wenn bei Sturmeswuth die Seekrankheit den Körper erschlafft hatte, und solchem Erquickung Noth that, dann öffnete meine Hand den neidischen Schleier und theilte mitleidig von dem Eingemachten, welches die Gemahlin des Herrn Wallrabe mir verehrt, weshalb dieses Geschenk mir jetzt um so trefflicher zu Statten kam, da meine Leidensgefährtin mit dem Schiffskoche einen Privat-Kontrakt geschlossen, durch welchem sie und ihr Mann mit Zucker, Thee und Kaffee versorgt wurden, und man diese Genüsse als Recompense jedes Mal brüderlich mit dem alten German (wie sie mich nannten), theilten. Darüber neidisch, suchten die über mir liegenden zwei Passagiere den über seiner Frau placirten Ehemann eifersüchtig zu machen, was ihn aber nicht aus seiner Contenance zu bringen vermochte, da er unbedingt und mit Recht dem Weibe Vertrauen zu schenken Ursache zu haben glaubte, welche ihm zu Liebe das Vaterland verlassen und mit nach England überzusiedeln sich entschlossen hatte.

Die ersten Paar Tage blies der Wind ziemlich günstig, so daß das Schiff schnell aber ruhig seinen Lauf verfolgte, dann aber wuchs seine Gewalt mit jedem Tage, doch meist zu unsern Gunsten, da er aus Norden kommend, das Fahrzeug wie ein Pfeil vor sich her trieb; daß wir dabei nicht immer auf die angenehmste Art gewiegt wurden, läßt sich denken. Doch zu viel habe ich schon über dergleichen Begebenheiten gesagt, als daß ich nochmals alles das Fürchterliche, was ein Seesturm im Gefolge hat, dem geehrten Leser auftischen sollte. Es ist und bleibt immer dasselbe, und wohl dem Menschen, welcher im sichern Hafen nicht die Beschwernisse einer solchen Reise durchzumachen hat, sondern nur das, was Andern begegnete, erzählen hört.

Die Kälte war äußerst empfindlich, so daß selbst bei ruhiger See es Keinem der Passagiere auf dem Deck behagen wollte, und wir nur nothgedrungen den untern Raum und die Schlafstellen verließen. Dabei war es vor Allem das Lager, welches mir das Ende der Seereise wünschenswerth machte, indem ich aus Mangel an Stroh, auf Anrathen in New-York den Leinwandsack mit Hobelspähnen hatte ausstopfen lassen, wobei jedoch der schurkische Tischlerlehrling, vielleicht auch nur aus Mißverständniß, da solche Spähne häufig zum Brennen benutzt werden, mir trotz des mitgeschickten Trinkgeldes den Sack reichlich mit Bret- und Stollen-Abschnitten gefüttert hatte, worauf ich, wie auf einen Steinhaufen gebettet, zu liegen verdammt war. Dabei wurde die Langweile, welche durch nichts unterbrochen ward, für mich umso empfindlicher, da ich auf der Reise gern spreche, und von Anderen erzählen höre, sich aber nicht ein einziges Individuum auf dem Schiffe befand, welches ein Wort Deutsch verstand, und ich deshalb nur unvollkommen über das Allgewöhnliche im Leben die Gedanken in englischer Sprache austauschen konnte. Zum Glück war ich reichlich mit amerikanisch-deutschen Zeitschriften versehen, woraus ich während der Fahrt immer besser das Gute, so wie das Böse der neuen Welt kennen lernte, und mitunter höchst interessante Aufsätze fand, von welchen ich einen, der die Ueberschrift führte: „Das weibliche Geschlecht in Amerika“, welches Thema noch zu wenig in meinen Briefen berührt worden ist, hier mittheilen will:

„Vom zartesten Alter an widmet sich der Amerikaner den Geschäften, denn kaum kann er lesen und schreiben, so wird er Kaufmann. Der erste Klang, der zu seinen Ohren dringt, ist der des Geldes. Die erste Stimme, die er vernimmt, ist die des Interesses. Mit der Geburt schon athmet er gewissermaßen eine industrieelle Luft ein. Die ersten Eindrücke, die er empfängt, überzeugen ihn, daß das Geschäftsleben das einzige sey, welches für ihn paßt.

„Ganz anders gestaltet sich das Loos des Mädchens aus gebildeten Familien; seine moralische Erziehung währt bis zu dem Tage, an welchem es sich verheirathet. Es erwirbt sich Kenntnisse in der Literatur und Geschichte; im Allgemeinen erlernt es eine fremde Sprache, meist französisch, und versteht etwas von Musik.