Wie einem Jeden von uns zu Muthe war, gaben die Klagetöne zu erkennen. Als aber während dieser Katastrophe die verschlossene Luke über der Treppenstiege geöffnet wurde, und mit den sofort hereinschlagenden Wellen die Schreckensworte herabtönten: „auf Befehl des Kapitäns, unsern Aufenthalt schnell zu verlassen und in der Kajüte das Weitere abzuwarten“, glaubten wir sicher, in den Wellen begraben zu werden. So schnell als es die erschöpften Kräfte bei dem Schwanken des Fahrzeugs erlaubten, welches taumelnd jeden Augenblick bald rechts, bald links schräg auf den Meereswogen lag, raffte sich ein Jeder auf, um durch die aufschlagenden Wassermassen, dem Schiff entlang, auf allen Vieren kriechend, da ein Aufrechtgehen unmöglich war, die Kajüte zu erreichen.
Ohne selbst recht zu wissen, was geschehen sey, da der in englischer Sprache gegebene Befehl bei dem Getöse nur wenig verständlich war, hatte ich glücklich bei dunkler Nacht das Verdeck erreicht, um mechanisch den Andern zu folgen, wurde aber sogleich durch eine aufschlagende Welle übergossen, welches mich bestimmte, wieder hinabzusteigen, da ich noch bei der Gefahr, zu ertrinken, durch Erfahrung an Erkältung dachte und die wollene Decke nachzuholen beabsichtigte, wobei ich leider, während der Fuß unsicher nach der nächstfolgenden Stufe suchte, die noch zurückseyende und vom Manne verlassene Amerikanerin vor die Brust trat, wodurch dieselbe mit einem Schrei hinabstürzte und bewußtlos am Boden zwischen den Koffern liegen blieb.
Wie war es jetzt möglich, da ich selbst, ohne mich fest anzuhalten, nicht stehen konnte, dieses durch den unglücklichen Tritt an der Flucht gehinderte, bedauernswürdige Geschöpf mit fortzubringen? Sie ihrem Geschick zu überlassen, wäre unmenschlich gewesen, und obiger Vorwurf hätte mich betroffen, wären wir Uebrigen beim schlimmsten Ereigniß gerettet worden und nur diese Arme hätte durch meine unschuldige Veranlassung, mit dem Leben büßen müssen.
Nicht zu beschreiben war unsere beiderseitige Lage. Angst und Bangigkeit im Herzen, über das, was noch kommen konnte, fort und fort durchnäßt von den einschlagenden Wellen, welchen wir, gerade unter der Luke, ausgesetzt waren, dabei das anhaltende Erbrechen, welches die Brust zersprengen wollte, und nicht vorsichtig beseitigt werden konnte, wodurch Eines das Andere beschmutzte. O! ihr beneidenswerthen Kajüten-Reisenden, von allen Diesem habt ihr nichts zu erfahren und deshalb auch nichts davon zu berichten.
Während ich mich noch abmühte, das junge Weib auf die Füße zu bringen und Trost zuzusprechen, in der Angst vergessend, daß sie kein Wort Deutsch verstand, und ich eben so wenig ihre halb ausgesprochenen Gedanken enträthseln konnte, wurde von einem Matrosen, der nicht wußte, daß wir noch zurück waren, um den innern Raum vor dem einschlagenden Wasser zu verwahren, die Decke der Oeffnung mit einem „God damn!“ zugeschlagen und so der letzte Sternenschein von uns abgeschnitten.
Wie in Grabesnacht der Erwachende ängstlich horchen mag, ob sich nichts rühre, was sein Pochen vernimmt, so übertönte hier als Gegensatz das tobende Element unsern Ruf und gleichsam lebendig begraben, wurden wir, von den übrigen Passagieren abgeschieden, unserm Schicksal überlassen.
Nach langer Mühe gelang es mir endlich, die arme Frau, welche besinnungslos nicht mehr wußte, was um sie vorging, in die Koje zu bringen, worauf ich selbst nach meinem Lager kroch und abgespannt an Leib und Seele, nicht im Stande war, einen Gedanken zu fassen und eben so wenig betete, als wie ein Murren meinen Lippen entging. Gott und die Welt waren vergessen. Der Angstschweiß lief über Kopf und Wangen, wobei die nassen Sachen den Unterleib erstarrten, weshalb ich mich zu entkleiden bemühete. Doch dieses Geschäft, wozu nur eine Hand verwendet werden konnte, da die andere zum Festklammern diente, brachte mich, da es nicht gehen wollte, so in Harnisch, daß ich mich vergessend, wie ein Landsknecht fluchte. O, German! rief mir eine Engelsstimme zu, worauf ich beschämt jetzt wieder an meine Nachbarin erinnert wurde und solcher mit dem Ausdruck: „Arme Lady“ meine Reue zu erkennen gab.
Was ist doch der Mensch für ein erbarmungswürdiges Geschöpf, wenn er unvermögend, der Gefahr zu entrinnen, ruhig abwarten muß, was die Mächte des Himmels über ihn beschlossen. Ja in solcher Lage ist wahrlich das Vieh, welches nicht weiß, was mit ihm vorgeht, glücklicher. Um weniger zu erfahren, wie im schlimmsten Falle das Wasser schmecke, empfahl ich Gott meine Seele und suchte durch Leeren der Rumflasche die Sinne zu betäuben, welches auch, da der Magen leer und der Kopf ohnedies ganz wüste war, schnell gelang, worauf ich im Schlaf versunken, nichts mehr von Allem vernahm, was um und über uns nach Mitternacht vorging.
Noch heulte der Wind am Morgen durch die Segel und peitschte die Wellen, daß solche keine Ruhe finden konnten, als die Luke sich öffnete und mit dem jungen Tage uns neue Hoffnung beseelte. Der Schiffskoch, in Begleitung des Mannes, brachte der Lady Kaffee und die Nachricht, daß die Gefahr vorüber, da der Orkan durch die geschickten Manövres des Kapitäns das Fahrzeug rückwärts gedrängt, und man jetzt weit vom Ufer entfernt, wieder auf hoher See schiffe.
Der reuige Mann suchte seine Unschuld zu beweisen, daß er, getrennt vom Weibe, die fürchterlichste Nacht habe zubringen müssen, da er mehr um ihr als sein Geschick besorgt gewesen sey. Doch verrieth auch das liebende Weib nicht durch Worte, was ihr Herz empfunden, so malte sich doch deutlich ihr Unmuth im Gesicht, wobei sie meiner freundlich gedachte, der ihr hülfreich während der Gefahr zur Seite gestanden; dabei war sie sich jedoch nicht bewußt, daß durch mein Retourgehen sie am Ersteigen der Treppe gehindert und dieses die Veranlassung zum Fall gegeben, sondern während der Bestürzung und bei der Dunkelheit der Nacht hatte sie den Fußtritt für etwas vom Verdeck Herabfallendes gehalten, von welchem Wahn ich sie auch weislich nicht befreite.