Die Schuldigkeit eines jeden Reisenden ist, sich in die örtlichen Gesetze zu fügen, wobei ich zugleich erinnert wurde, daß ich nicht mehr in Amerika war, wo Niemand bei der Ankunft, während des Aufenthalts und der Abreise sich die Mühe giebt, zu fragen, ob Einer Hans oder Kunz heiße, wo und wie lange man in den Vereinigten Staaten zu bleiben willens sey und was Einer zu treiben gedächte. Alles dieses sind Sachen, welche nur mit den relativen Begriffen von Freiheit der Amerikaner übereinstimmend sind.
Nur einige hundert Schritte entfernt, da man mich durch mehrere Hausgänge führte, war die Office, und an der Thür angelangt, gab mein Begleiter durch das Oeffnen der Hand zu verstehen, daß er für seine Mühe abgelohnt seyn wolle, mit dem Bemerken, daß er mich dann eben so schnell wieder retour geleiten werde. Zu meinem Verdruß fand ich beim Durchsehen des Silbergeldes keine kleinere Münze als ein Six-pence-Stück (5 Sgr.), erhielt aber zur Verwunderung statt Dank, das mir zu viel scheinende Geld mit der Bemerkung zurück, daß unter einem Schilling (10 Sgr.) ein Engländer keinen Dienst erweise. Hier half kein Besinnen, das Geforderte zu zahlen, da seine Kollegen im Besitze meiner Sachen waren.
Nachdem man mich, da kein Paß aufgezeigt werden konnte, in deutscher Sprache sehr zuvorkommend examinirt hatte, stellte man einen Schein über geschehene Meldung aus, welcher von mir am Tage der Abreise zurückgegeben werden sollte. Diese ganze Verhandlung dauerte höchstens eine Viertelstunde, welche Zeit meinem Wegweiser doch zu lange vorgekommen seyn mochte, um das Geld wieder im allgemeinen Verkehr zu bringen, oder durch neuen Verdienst zu vermehren; kurz er war verschwunden, und ich so genöthigt, den Rückweg allein anzutreten.
Obgleich keiner der Hüter meiner Sachen in deren Nähe sich befand, welche auch, wie ich später erfuhr, ohne besondere Aufsicht sicher gestanden haben würden, so hielten doch alle drei die Hände auf, in dem Glauben, daß in jede ein Schilling gelegt werde. Der Gemahl meiner jungen Leidensgefährtin, welcher zurückgekommen war, nahm sich aber der Sache an, und fertigte in meinem Namen Alle für ihr Nichtsthun mit einem Schilling ab.
Um ein deutsches Kosthaus, wo man billig logiren sollte, zu beziehen (wenn das Wort „billig“ in London Anwendung finden kann), nahm ein vereideter Lastträger, wie es das angehängte Schild zu erkennen gab, meinen Koffer mit auf seinen schon mit andern Sachen beladenen, zweirädrigen Wagen, welcher von zwei kleinen Buben gezogen wurde, und bestimmte, da dieses Hôtel weit entfernt seyn sollte, sechs Schillinge Fuhrlohn. In der bald erreichten Bishopsgate-Street, bei Old Catherine Wheel Jun., wurden die übrigen Sachen abgeladen und zu meiner Freude fand ich hier einen Straßburger wieder, den ich schon in Amerika kennen gelernt, und der jetzt, wie ich, auf der Heimreise begriffen war, da er jenseits des Meeres auch nicht gefunden, was Tausende vergeblich suchen. Auf den Vorschlag, hier zu logiren, und dann mit ihm und einem zweiten Landsmann, welcher auch aus Amerika kam, die Reise über Paris zu machen, war nichts einzuwenden, und da er versicherte, daß der Wirth, ein geborner Franzose, zwar auch die Feder zu spitzen verstehe, er doch nicht, wie es hier die Sitte in andern Hôtels sey, das Fell über die Ohren ziehe, und ich leicht auch bei dem rekommandirten deutschen Wirthe aus dem Regen in die Traufe kommen könne, so gab ich nach und blieb hier.
Dagegen hatte der Fuhrmann nichts einzuwenden; als ich aber statt sechs nur drei Schillinge für den Transport des Koffers zahlen wollte, da noch nicht die Hälfte des akkordirten Weges zurückgelegt war, und dieses schon übertheuer bezahlt sey, wie die Andern versicherten, so predigte ich doch tauben Ohren. Ohne seine Schuld sey der Weg gekürzt worden, war die Antwort, und Niemand könne sein gutes Recht auf die bedungene Summe ihm absprechen, auch würde er bei weiterm Aufenthalt noch wegen Zeitverlust auf Vergütung Anspruch machen.
Mit den englischen Gesetzen zu wenig bekannt, und um einen Rechtsstreit zu beginnen, nicht nach London gekommen, zahlte ich also, und mache dieses als Vorgeschmack bekannt, damit man sehe, was den wenig bemittelten Reisenden für Genüsse in England erwarten.
Noch zu sehr erschöpft und ärgerlich gestimmt über die unverschämten Forderungen dienstbarer Geister, ward beschlossen, die letzten Stunden des heutigen Tages zu ruhen, und morgen erst die Wanderung durch Britanniens Hauptstadt zu beginnen. — Um die Wollust, auf einem weichen Bette sich zu pflegen, recht zu empfinden, muß man, wie ich, mehrere Wochen vorher unter immerwährenden Stürmen auf hartem Lager zugebracht haben. — Schon war es hoch an der Zeit, was ich nicht bemerkt hatte, da die herabwallenden Bettvorhänge dem Auge die Tageshelle verbargen, als die im Nebenzimmer logirenden Landsleute mich weckten, da der auf heute bestellte Lohnbediente angekommen sey.
Schnell war die Toilette gemacht, schneller noch das Frühstück verzehrt, und: „Wohin nun zuerst die Schritte gerichtet?“ war die Frage des Wegweisers. Die Ansichten stimmten nicht überein. Der Themse-Tunnel, dieses Riesenwerk, erregte vor Allem meine Neugierde, dagegen der dritte Landsmann, als Bierbrauer, die großartigen Anstalten Londons zuerst besehen wollte, der Straßburger, als Handelsmann, aber die Börse und von der großen Brücke herab, das Gewühl der Fahrzeuge auf der Themse zu sehen wünschte. „Es wird wohl das Beste seyn“, versetzte der Cicerone, „wenn Sie sonst keine bestimmten Geschäfte abzumachen haben, und die Briefe nebenbei abgegeben werden können, daß wir uns zuerst nach dem volkreichsten Theile der Stadt, der City, begeben, damit Sie sogleich einen Blick in Londons Geschäftsleben werfen, und auf dem Wege durch Lutgad-hill, das Packet besorgen können.“
Kaum hatten wir unser Logis im Rücken, als der Führer den Antrag stellte, im Falle wir einige Wochen hier verleben wollten, unsern jetzigen Aufenthalt zu verlassen, wo, im Verhältniß zu andern großen Städten, bei aller Billigkeit noch theuer zu logiren sey. Dagegen finde man mit leichter Mühe, wie auf den an den Häusern angeschlagenen Zetteln zu ersehen sey, überall zur Miethe ausgebotene Wohnungen, groß oder klein, elegant und einfach meublirt, je nach Bedarf. Da wir aber nur einige Tage in London zu bleiben gedachten, wurde für die Nachricht gedankt, ohne selbst Gebrauch davon zu machen. Ich halte es aber der Angabe werth, da es vielleicht dem geehrten Leser zu Gute kommen mag, wenn er nach vollendeten Eisenbahnen einen Abstecher nach England zu machen, willens seyn sollte.