Größer noch, wie in New-York, ist das Treiben und Wogen der geschäftigen Menge in diesem Stadtviertel. Die Trottoirs in den Hauptstraßen, breit genug um sechs und mehreren Personen neben einander das Gehen zu gestatten, sind beständig mit Menschen überfüllt. Schwieriger aber noch wird das Durchkommen in den engen und krummen Gassen der eigentlichen City, wo die Fußwege schmal und der Koth in den, wie es scheint, nie gereinigten Fahrstraßen, den dahin Tretenden, oder quer über die Straße Gehenden, in die Gefahr versetzt, die Fußbekleidung im Stiche zu lassen. Demnach befinden sich gewöhnlich Bettler, mit Besen bewaffnet, an den Orten, wo die Trottoirs durch eine Straße unterbrochen werden, um einen schmalen Fußweg zu fegen. Da aber die Arbeit nur ein Gewerb zum Betteln ist, und das ewige Fahren Alles wieder sogleich mit Koth überzieht, auch bei dem ewigen Nebel die Trottoirs nicht immer die reinlichsten sind, so bedient man sich in der Regel der Galloschen, und die Frauenzimmer mit Zwecken beschlagener Stelzschuhe, welches Klappern schon aus der Ferne die Ankunft der Schönen verräth.
Die vornehme Welt besucht diesen Stadttheil nie zu Fuß, und selbst der Mittelstand bedient sich der Miethwagen, welche den ganzen Tag auf den angewiesenen Plätzen bereit stehen, und deren Zahl über 1200 seyn soll.
Da durch das ewige Hin- und Herfahren, so wie das durch Einanderdrängen nach allen Richtungen, im Fahrwege ohne Gefahr zu gehen, nicht möglich ist, so spatzieren auch auf den Trottoirs die vielen Lastträger, Schubkärner, Milchhändler, Brod- und Kuchen-Händler mit ihren Körben, Straßenkehrer mit ihrem Geräthe, wie alle mit Baumaterial belasteten Maurer und Zimmerleute, und die größte Vorsicht ist nöthig, um nicht umgerannt zu werden. Durch die langen Züge der sich aneinander reihenden Wagen entstehen oft bei Passirung der Querstraßen, Viertelstunden lange Stockungen, welche Zeit des Aufenthaltes der Fußgänger verwendet, um die geschmückten Läden, da fast jedes untere Stock dazu eingerichtet ist, zu besehen. — Die Pracht und Schönheit dieser Gewölbe, mit all den sinnreich aufgestellten Waaren, setzt den Fremden in Erstaunen, und der Reichthum und Glanz der Gold- und Silber-Arbeiter ist nicht zu beschreiben. Die Galanterie-Läden bieten jedes Luxuriöse, und die schönen Draperieen, mit welchen die Schnitthändler hinter großen Spiegelfenstern die Waaren dem Publikum zeigen, reizen zum Kauf. Die lockenden Obst- und Kuchen-Läden erwecken den Appetit, und wässern den Mund unwillkürlich, da Alles, was Konditoren nur erfunden haben, hier zur Schau aufgestellt ist. Auch die Apotheker stehen nicht nach, und verzieren die Ladenfenster mit gläsernen Kugeln, gefüllt mit gefärbtem Spiritus, zwischen welchen Vasen mit künstlichen Blumensträußen aufgestellt sind, welche, vorzüglich Abends erleuchtet, einen imposanten Anblick gewähren. Vor Allem aber fesseln den Blick die Kupferstichläden, wo täglich neue Gegenstände ausgehängt sind, weshalb immer ein Kreis Neugieriger die Fenster umlagern, und den Weg verengen. Nichts mag es wohl in der Welt geben, womit Handel getrieben wird, was in London nicht zu bekommen wäre.
Um aber auch bei ungünstiger Witterung dem Publikum die Gelegenheit zu geben, geschützt vor Koth und Wetter, ihre Einkäufe machen zu können, den Neugierigen und Geschäftslosen Promenaden, wie den Verkäufern trockene und sichere Magazine zu verschaffen, so sind mit Glas bedeckte Passagen errichtet worden, welche prachtvollen Glasgallerien Alles bieten, was man wünscht und sucht, und diese Durchgänge noch dem Fußgänger den Vortheil gewähren, den weiten Weg zu kürzen, indem man durch solche schnell aus einer Straße in die andere gelangen kann. Mein Gefährte hatte beim Passiren der Arcade Bourlington die Gewölbe gezählt und deren zweiundsiebenzig gefunden.
Je mehr man sich wieder aus der City entfernt, desto mehr nimmt das Gewühl der geschäftigen Menge ab, denn hier wohnt mehr der konsumirende Theil der Einwohner, welche in größter Bequemlichkeit sich des Lebens zu freuen suchen. Kein rauschender Erwerb, kein Gedränge der arbeitenden Klasse, nur geputzte Herren und Damen und bunte Livreen beleben die Straßen, so wie nur glänzende Equipagen und Lohnkutscher sichtbar sind.
Achtundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
Im Februar 1841.
Die durch den fortwährenden Steinkohlendampf schwarz geräucherten Häuser haben im Allgemeinen, mit Ausnahme einiger fürstlichen Wohnungen, kein imposantes Ansehen; sie sind meist drei Stock hoch, von Ziegelsteinen ohne die geringste äußere Verzierung aufgeführt, meist schmal, da sie in der Regel nur von Einer Familie bewohnt werden und haben deshalb keinen Thorweg; dabei sind die Hausthüren auffallend eng und hoch, eben so die Fenster, welche, gleich den Amerikanischen, keine Flügel haben, sondern zum Aufschieben eingerichtet sind. Die Treppen sind ebenfalls äußerst schmal, und im Souterrain befinden sich die Küche und Bedienten-Wohnungen.