Alle, meist von großen Plätzen ausgehende, oder in solche einmündende Straßen sind gerade, breit und mit Trottoirs versehen. Die schönste Straße ist aber die Regent-Street, in welcher an beiden Seiten längs der Häuser, eine Säulen-Colonnade aufgeführt ist.
Mit Besteigung der Säule, das Monument genannt, welche zur Erinnerung der Stelle, wo 1666 der große Brand entstand, der 13,000 Häuser zerstörte, errichtet ist, wurde der erste Tag beschlossen. Von der Höhe der Säule, welche oben mit einer Gallerie umgeben ist, und wohinauf 365 Stufen einer Wendeltreppe führen, genießt man eine herrliche Aussicht, wenn die Witterung günstig und der Steinkohlendampf weniger die Luft verdickt. Leider war es jetzt der Fall, daß der Nebel die Fernsicht hemmte, und wir unbefriedigt den Ort verließen.
Alles, was wir während des siebentägigen Aufenthalts in London, bei wenig Ruhe, Gelegenheit zu sehen hatten, genau zu beschreiben, würde einen ganzen Band füllen, und durch meine ungeübte Feder nur unvollkommen geschehen können. Dabei würde solches über das gesteckte Ziel hinausführen, und Zeit in Anspruch nehmen, welche mir jetzt schon zu andern nothwendigen Arbeiten verloren ginge. Im Allgemeinen will ich nur bemerken, was mir unter der Größe und Pracht Londons am Meisten aufgefallen, wovon aber manches weniger Merkwürdige dem Gedächtniß wieder entschwunden ist.
Die schönen Statuen, Monumente, Brücken und die Eisenbahnen, von welchen eine der Letzteren in einem Stadttheil über die Häuser führt, die Straße unter dem Wasser weg (der Themse-Tunnel), die großartigen Bierbrauereien, die Theater, die St. Paulskirche, der Palast von Westmünster, Westmünster-Abtey und der so geschichtlich berühmte Tower.
Unter andern Aufträgen von Amerika aus, war mir auch die Besorgung eines Briefes an Prinz Albert (Gemahl der Königin), übertragen, weil man glaubte, daß solcher auf diesem Wege sicherer, als durch die Post, in seine Hände gelangen würde. Die Veranlassung zeigte, daß nicht immer auf das Wort großer Herren zu bauen, und die Sache selbst interessant genug ist, um sie hier zu veröffentlichen.
Ein Schneidergeselle in New-York, mit Namen Karl, welcher auf Stück für einen Kleiderhändler arbeitete, und dessen Bekanntschaft ich machte, hatte die Milchschwester des Prinzen Albert von Koburg geehelicht, welche ihren Mann mit einem kleinen Söhnchen beschenkte. Nach langem Berathschlagen, wer wohl der annehmbarste Pathe seyn möchte, erinnerte sich die Wöchnerin der Worte des Prinzen, welcher bei ihrer Konfirmation, wo sie ihm vorgestellt worden, gesagt haben sollte:
„Bedürfen Sie Meiner einmal in spätern Jahren, so erinnern Sie sich nur des Milchbruders, und ich werde, der Worte eingedenk, helfen, wenn ich’s vermag.“
Der Bedarf war da, denn der arme Modekünstler verdiente nur zur Noth, was er nebst Frau täglich brauchte. Leider blieb aber nichts zur Bestreitung der nöthigsten Ausgaben für den kleinen Wurm übrig, auf welchen gar nicht gerechnet worden war.
In aller Form wurden Tauf- und Trau-Schein und sonstige Atteste der Armuth nach London abgeschickt, und bis die gewünschte Antwort ankommen würde, das Kind ungetauft gelassen. Nach langem Hoffen kam endlich das ersehnte Schreiben, mit Königlichem Siegel gut verwahrt, an, und nach seiner Größe zu schließen, enthielt es vielleicht gar noch außer der Banknote als Pathengeschenk, ein Diplom als Leibschneider Sr. Majestät, für den lieben Mann.