Vendome-Platz, Palais-Royal, Morgue, Thiergarten, Invalidenhaus, die Elysäischen Felder, Place de la Concorde, Tuilerieen-Garten, so wie die Wohnung des Königs, der Tuilerieen-Palast, waren die ersten Tage besehen worden. Jetzt sollte vom Polizei-Bureau aus, wo der Paß niedergelegt war, das Versäumte nachgeholt und der berühmte Gottesacker besucht werden. Auf der Tour dahin ward die alte ehrwürdige Notre-Dame besichtigt und die immer mit Menschen und Wagen besetzte Brücke Pont-neuf passirt, wo die bronzene Reiter-Statue Heinrichs IV. aufgestellt ist, und die auf den Trottoirs dampfenden Kohlenbecken und Oefen den Vorübergehenden immer frisch gebackene Schmalzkräpfel und Pasteten liefern; doch waren wir nach diesem Backwerke nicht lüstern, da die Sage geht, daß hier Hunde-, Pferde- und Menschen-Fett die Hauptrolle spielt.
Auf den Grêve-Platz angelangt, fällt vor Allem das schöne Rathhaus auf, in dessen Hofe das Standbild Ludwig XIV. prangt. Dieser Platz, auf welchem früher gehenkt, gerädert, geviertheilt und guillotinirt worden ist, hier, wo schuldige und unschuldige Opfer in Unzahl das Leben verloren haben, behält immer etwas Grausiges, und der Gedanke, auf dem gräßlichen Platze zu stehen, wo während der Revolution Ströme Bluts geflossen, wo der Henker Robespierre ohne Zahl die Menschen schlachten ließ, und als gerechte Strafe selbst durch Henkersbeil das Leben verloren hat, erfüllt den Menschen mit Abscheu gegen die Bluthunde damaliger Zeit.
Vor dem Todtenacker Pére la chaise verrathen die auf beiden Seiten der nicht breiten Straße in Ateliers arbeitenden Steinhauer, durch Aufstellung ihrer bestellten, oder vorräthig gefertigten Kunstwerke von Monumenten und Denksteinen, daß man nicht zu bereuen hat, die Schritte aus dem geräuschvollen Leben nach dem Eingange zur Lebensruhe gerichtet zu haben. Der Friedhof selbst überrascht den Pilger auf jede Weise. Kunst und Natur wetteifern hier, dem Orte das Abschreckende zu benehmen, und dem Besuchenden einen einladenden Garten zu zeigen. — Schöne Wege und Alleen führen zur Höhe hinauf, an dessen Abhang frei, und im Gebüsche versteckt, die schönsten Grabsteine, Kreuze, Monumente und Kapellen sichtbar sind. Herrliche Denkmäler, große und geschmackvolle marmorne Obelisken, Säulen und Statuen bezeichnen die Stellen, wo ausgezeichnet gewesene Männer ruhen. Die Namen der Marschälle Suchet, Massena, Lefevre findet man hier. Auch der durch sein tragisches Ende noch merkwürdiger gewordene Marschall Ney ist hier beigesetzt, doch ohne daß auf dem Steine, welcher ihn deckt, der Name verzeichnet ist. Besonders prächtig nehmen sich die Denkmaler der russischen Gräfin Demidoff, das der beiden liebenden Abaelard und Heloise, des General Foy und das in neuerer Zeit dem Staats-Minister Casimir Perier errichtete, aus.
Ist man auf dem ersten Vorsprunge des Hügels angelangt, wo eine Kirche steht, so ändert sich die Scene. Der Mensch wird abgezogen von seinen Betrachtungen über Tod und Ewigkeit, da von diesem Standpunkte aus, Paris in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit sich vor seinem Blicke entfaltet, und die Sinne, vom Reize des Irdischen umstrickt, sich wieder dem sündhaften Leben zuwenden.
Im Kreise der Freunde ward beschlossen, den Abend dieses Tages auf einem deutschen Kaffeehause zu verleben und bei gutem Bier uns der lieben Heimath zu erinnern.
Zahlreich war die angetroffene Gesellschaft, da der in Paris lebende Deutsche noch zu sehr an dem gewohnten Gerstensaft hängt, als daß er letztern über den Wein, welcher mehr von den Franzosen getrunken wird, vergessen sollte. Alle Tische waren in den ersten Zimmern besetzt, und die qualmenden Pfeifen ließen mich um so mehr wünschen, besser im Hintergrund gedrängt, außer dem Bereiche der Rauchsäulen, leere Plätze zu suchen.
Das Bier, Straßburger Fabrikat, mundete trefflich, und schon war es spät an der Zeit, wie die um uns leer werdenden Sitze kund gaben, als wir uns auch zum Rückzuge anschickten, und die Freunde auf den leer gewordenen Straßen jetzt mit Schrecken gewahrten, daß kein Omnibus mehr fahre. Wie sie die weit abgelegenen Quartiere erreicht, war Keinem am nächsten Tage mehr bewußt, ich selbst wanderte mit meinem seelenvergnügten Maler langsam und friedfertig unserer Wohnung zu.
Auffallend ist der Kontrast, welchen eine so bevölkerte Stadt, wie Paris, zwischen Nacht und Tag bietet, und ein wahrhaft interessantes Bild davon giebt ein Autor, indem er sagt:
„Wie ganz anders gestaltet sich die Stadt am späten Abend. Die Lampen und Laternen sind erloschen, nur das Gas leuchtet noch auf einigen Plätzen und in größern Straßen; die Läden sind geschlossen, die Lichter in den Zimmern sind verlöscht, und nur in den obersten Stockwerken flimmert noch hin und wieder ein Licht. Der Journalist, der Poet, der Gelehrte arbeitet da noch; die arme, von der harten Tagesarbeit ermüdete Mutter, sucht für ihre hungrigen Kinder noch Etwas zu verdienen. Die Grisette erwartet noch ihren Geliebten; die feile Dirne lauert auf Beute, um morgen essen zu können. Dunkle Gestalten, von denen viele das Tageslicht scheuen mögen, schleichen gespensterartig mit leisen und gellenden Tritten an den Häusern hin; Patrouillen durchreiten und durchwandern die Stadt. Die Chiffonniers, mit ihren kleinen Laternen, hölzernen Butten und eisernen Hacken durchwühlen die Gossen und Ecken, um spärliche Papierschnitzel, verdorbene und weggeworfene Eßwaaren aufzusuchen. Nur selten rasselt ein Wagen; die pestilenzialisch stinkenden Ausleerungskarren schleppen langsam einher und gleichen Leichenwagen in einer ausgestorbenen Stadt, und Paris ist jetzt todt. Nur in den Salons der Großen, in den Spiel- und Freuden-Häusern ist noch Leben.“