Etwas spät stellte sich am andern Morgen mein wackerer Führer ein, da Heiserkeit und Kopfschmerzen ihn länger als gewöhnlich, aufs Lager gefesselt hatten. Doch solch ein nächtlicher Kommers genirt einen braven Burschen nicht. Der fleißige Maler stand schon früh mit Pinsel und Palette an seinem Meisterwerk, und korrigirte nebenbei vorkommende Fehler seiner jungen und talentvollen Schülerin, welche die Mutter mit Argusaugen bewachte, da in Paris den Männern in diesem Punkte zu wenig getraut wird, und man in jedem unbewachten Frauenzimmer, welche auf der Stube eines Mannes angetroffen wird, ein Grisettchen erkennt.
Ohne Appetit wollte heute bei einem Marchand de vin das Frühstück nicht munden, welches uns bestimmte, um nun auch die Wirthschaft einer der größten und vornehmsten Pariser Restaurationen kennen zu lernen, im Palais-Royal das Mittagsbrod einzunehmen.
Gute Bedienung, schmackhafte Speisen und trefflichen Wein findet man hier, doch ist solch ein Genuß, den Gaumen zu kitzeln, bei beschränkten Mitteln um so weniger anzuempfehlen, wenn man vom Hause aus kein Feinschmecker ist, und das Sprichwort: „Was hilft der Kuh Muskate!“[61] hier Anwendung finden möchte. Solch ein Vergnügen ist zu kostspielig, als daß der mit Glücksgütern nicht gesegnete Fremde hierauf nicht verzichten sollte. In ebenfalls anständigen Restaurationen, woran es in Paris nicht fehlt, ist es um drei Theile billiger.
Das geschichtlich merkwürdige Palais de Luxembourg, jetzt der Versammlungsort der ersten Kammer, der Pairs von Frankreich, wurde heute besucht. Die Gemäldegallerieen, in welcher nur Meisterwerke jetzt lebender Künstler aufgestellt werden, ist sehenswerth; der daran stoßende herrliche Garten soll besonders von den Herren Studenten frequentirt werden, welche mit dem Liebchen am Arm, sich in den schattigen Gängen erholen, denn hier ist es Sitte, daß die Pariser Musensöhne, wie ihre deutschen Brüder ohne lange Pfeife nicht leben können und sich öffentlich zeigen, diese, ohne ein Grisettchen am Arm zu haben, die Straße nicht betreten und sonst in vertraulicher Eintracht mit ihren Stubengenossinnen leben.
Solche Stubenmädchen, deren es 18–20,000 in Paris geben soll, verdienen sich in der Regel vom Nähen und Sticken ihren Unterhalt, welcher Verdienst jedoch nicht ausreichend ist, um auch Putz und Logis davon bestreiten zu können, weshalb das liebe Geschöpfchen zu einem Studenten oder sonst jungen Mann nach ihrem Geschmack zieht, dessen Wirthschaft besorgt und die Frau vertritt, woher es kommen mag, daß die Findelhäuser immer reichlich besetzt sind. Dennoch findet man in einem solchen gesellschaftlichen Verhältniß nichts Anstößiges und weder Eltern, Vormünder noch die Obrigkeit haben Etwas dagegen einzuwenden.
Von hieraus wurde das Panthéon besucht, ein Meisterwerk der Architektur, welches schon über dreißig Millionen Franks gekostet hat und im Bau noch nicht vollendet ist. Es nimmt einen der ersten Plätze der Pariser Merkwürdigkeiten ein. Die Bestimmung dieses prächtigen Tempels des Ruhmes ist: die Gebeine berühmter Männer aufzunehmen, weshalb unter dem Gebäude eine lange Reihe von Gewölben angebracht ist.
Auch das Musée d’Artillerie wurde heute besichtigt, wo in fünf Gallerieen verschiedene Kriegswerkzeuge aufgestellt sind.
Auch zeigt man dort, außer den wirklich authentischen Waffen der größten französischen Kriegshelden und Monarchen, den Helm des Attila.
Am Abend wurde die große Oper besucht, wo wir bei frühzeitiger Ankunft schon eine Menge Menschen versammelt fanden, welche die im Zick-Zack errichteten Barrieren füllten und in Reihe und Glied das Oeffnen der Kasse erwarteten. Eine lobenswerthe Ordnung findet dabei Statt, bedungen von den vor dem Stück aufgestellten und nach Anfang desselben wieder weggenommenen Verschlägen, wodurch das Zudrängen von allen Seiten nach dem Eingang unmöglich wird, und so geschützt, der Vorderste Einlaß erhält, die Folgenden nachrücken und die Neuangekommenen sich immer dem Hintersten erst anschließen müssen.[62]