Advokaten, Doktoren und Apotheken giebt es hier in Menge, da Jedermann die Erlaubniß hat, wie in jeder andern, so auch in diesen Branchen, sein Heil zu versuchen. Auch an Zeitungsschreibern fehlt es nicht, sie wachsen wie die Pilse, tauchen auf, und verschwinden eben so schnell wieder. Gegenwärtig sollen nach Zeitungsberichten, 1555 Zeitungen in den vereinigten Staaten vorhanden seyn, wovon 274 auf New-York kommen.
Um sich nun bei dieser großen Anzahl vorhandener Blätter dennoch ein möglichst zahlreiches Lesepublikum zu verschaffen, so wird nichts versäumt, was die Neugierde der Menschen rege machen kann. Immer größeres Format[37] wird gewählt und bei vollkommener Preßfreiheit versucht jedes Blatt leidenschaftlich die Interessen der Parthei, an welche sich dasselbe verkauft hat und der es blindlings huldigt, zu vertheidigen. An Stoff zu den gröbsten Beschuldigungen fehlt es nie, da Whigs und Demokraten, feindselig gegenüber, Alles aufbieten, um einander zu schaden und den kleinsten Anschein eines Vergehens tausendfach vergrößernd an das Licht zu bringen suchen. Als Beleg von der Sprache, wie solche in amerikanischen Zeitungen geführt wird, habe ich folgenden Artikel abgeschrieben: „Herr Marris, Recendor der Stadt New-York, ist vom Gouverneur Seward seines Amtes entsetzt worden. Seine Absetzung ist durch keine Anklage gegen ihn entschuldigt oder gerechtfertigt; sie ist eine von Oben kommende, beispiellose, unerhörte Verfolgung, weil Herr Marris den moralischen Muth hatte, die Augen der Bürger New-Yorks auf entsetzliche Meineidigkeit und Wahlbetrügerei zu lenken, die von einer politischen Parthei an ihnen verübt worden war und weil irgend einem ergebenen Partheiwerkzeuge nach seinem Amte gelüstete. — Wo wird diese Ruchlosigkeit aufhören? Welche Bürgschaft ist dem freien Bürger dieser Republik gelassen, wenn jeder ihrer treuen Diener von der Willkühr eines hochgestellten Subjekts abhängt, das für nichts Sinn hat, als seine eigene und seiner Parthei Amtsbeförderung? Muß nicht jeder Richter im Staate New-York vor dem Despoten Seward zittern, oder sich zum Opfer machen, wenn er es wagt, die Pflichten seines Amtes rücksichtlos zu erfüllen? Ist Gouverneur Seward das höchste Gesetz des Landes, oder das Statutenbuch? u. s. w.“ —
Wie werden nun solche Beschuldigungen widerlegt und bestraft, werdet ihr fragen? Nicht anders, als durch ähnliche Ausfälle und Beleidigungen in den Zeitschriften, wodurch die Reibung unterhalten, die Spalten der Blätter sich füllen und Alles beim Alten bleibt. Dadurch wird Einem bald die Ueberzeugung, daß Preßfreiheit ohne Grenzbestimmung nicht heilbringend für die Menschen seyn kann.
Das Gerichtsverfahren ist öffentlich und wird mehr oder weniger von Neugierigen besucht, je nachdem die gepflogenen Verhandlungen Interesse für sie haben.
Ich selbst habe in Begleitung des Herrn Bindernagel die Gefängnisse besucht und einigen Sitzungen der Geschworenen beigewohnt. Mancher wurde frei gesprochen, Andere dagegen zu harter Strafe verurtheilt, auch ein Individuum zu vier Monaten Gefängniß verwiesen, welches nichts mehr als ein Paar Schuhe gestohlen hatte. Verwundert über solche Strenge, mußte ich vernehmen, daß dergleichen Diebstähle hart geahndet würden, um dadurch vor größern Verbrechen abzuschrecken. Man sagte mir zugleich, daß es auch selten vorkomme, daß der eingeborene Amerikaner sich mit derartigen Kleinigkeiten zu bereichern suche und solches mehr unter seiner Würde halte; könne er aber durch List und Betrug im Handel und Wandel seinen Nächsten um etwas Erhebliches bringen, so finde er solches ganz in der Ordnung und denke dabei: „Esel paß’ auf!“ Dagegen suche sich der Betrogene damit zu trösten, daß er um so viel gescheuter worden sei und jetzt darauf denken müsse, möglichst bald mit gleicher Münze zu bezahlen und so das Verlorene wieder zu gewinnen.
Einige Männer wurden den darum bittenden Weibern wieder frei gegeben, welche wegen Trunkenheit und auf besonderes Verlangen der Letzteren mit Arrest gebüßt hatten. Ueberhaupt ist den Weibern hier großes Recht über die Männer eingeräumt und es dürfen die Letztern nicht mucksen, wenn solches die Erstern nicht haben wollen. Vergißt sich ein Mann und kommt selig nach Haus, so steht der Frau das Recht zu, ihn ohne Weiteres einstecken zu lassen. — Eine Ohrfeige, oder sonstiger Schlag mit der Hand, berechtigt die Frau zu bestimmen, wie lange die liebe Ehehälfte im Loche brummen soll. Das Weib blutig schlagen, zieht harte Gefängnißstrafe nach sich und einen geleisteten Weibereid sollen gar nur zwölf Männer-Zeugen entkräftigen können. — Manche Frau wird sich demnach mit ihrem störrigen Ehegemahl hierher versetzt wünschen und mir es Dank wissen, auf das amerikanische Weiberrecht aufmerksam gemacht zu haben. Aber auch die Männer haben hier ihre eigenen Köpfe und lassen mitunter ihrer süßen Bürde despotisch fühlen, daß der Mann des Weibes Haupt ist.
Zum Schluß will ich Euch in Thalias Tempel einführen, dessen jedesmalige Vorstellung auf 6 Fuß langen Zetteln mit möglichst auffallender Schrift angekündigt wird. — Täglich werden in mehrern Schauspielhäusern, von denen aber das Bowery-Theater das größte ist, Vorstellungen gegeben. Das eherne Pferd zog auch mich an und da die Gallerieen schon gefüllt waren, so suchte ich im Parterre ein Unterkommen. Der Amerikaner macht es sich auch hier wie überall bequem, zeigt sein weißes feines Hemd und streckt die Füße so lange auf die vor ihm stehenden Bänke aus bis mehr und mehr die Plätze sich füllen und er gezwungen wird, sich zu geniren. Mit der Zeit geizend, harrt er ungeduldig des Signals zum Anfang des Stücks und sucht diesen durch Trommeln und Pfeifen zu beschleunigen. Wer möchte aber auch hier Theatersänger seyn, da das Da capo-Rufen kein Ende nimmt und so manche Arie 3–4 Mal wiederholt werden muß. Zum Beifallklatschen schont man die nur zum Verdienst schaffenden Hände und die Füße verrichten durch Stampfen den Applaus. — Dekorationen sind gut, die Maschinerie nicht übel, leider aber fehlt dem Spiele die Kunst und das Ganze verliert durch das ewige Wiederholen der Scenen.