New-York im September 1839.
Fortsetzung.
Bereits sind 14 Tage verflossen, ohne daß ich oder einer meiner Gefährten so glücklich gewesen wäre, ein Unterkommen zu finden. Alle meine Bemühungen, in einer der großartigen Brennereien eine Beschäftigung zu erhalten, waren vergebens, da diese Stellen meist mit Eurischen (Irländern) besetzt sind, welche fest zusammenhalten und keinen Deutschen unter sich dulden.
Die Baarschaft meiner Stubengenossen war gänzlich verausgabt und auch mein Geld ging ziemlich zu Ende, da der Zimmermann S. die ihm in Bremen zur Reise vorgestreckte Summe, weil er selbst noch ohne Verdienst war, nicht zurückzahlen konnte. Das Geld aber anzugreifen, welches für besondere Unglücksfälle, so wie auch zur Reise in das Innere der Staaten bestimmt war, hielt ich nicht für räthlich, so lange noch gesunde Gliedmaßen das Arbeiten möglich machten. Es wurde daher beschlossen, das Letztere zu ergreifen, bei dem Agenten der deutschen Gesellschaft die nöthigen Schritte zu thun und da zu ermitteln, ob nicht auf irgend eine Art Geld zu verdienen sei.
Schon hatte ich mehrmals zur bestimmten Zeit, wo das Komptoir geöffnet seyn sollte, nebst mehren andern stundenlang gewartet, doch Herr Rückardt erschien nicht. Ich sah mich daher veranlaßt, bei unserm Landsmann, Herrn Bindernagel, Bäcker und Mehlhändler auch derzeitiger Präsident der deutschen Gesellschaft, anzufragen, ob das im Interesse der armen Deutschen gehandelt sey, wenn sie Tagelang vergeblich auf die Oeffnung des Komptoirs warten müßten und so von Nothwendigkeit getrieben, schurkischen Mäklern in die Hände fielen.
Herr Bindernagel nahm mich sehr zuvorkommend auf, und war sogleich erbötig, die nöthigen Schritte zu thun, um sich selbst zu überzeugen, ob meine Angabe gegründet sey, und nöthigenfalls das Weitere zu verfügen. — Im Laufe der Unterhaltung kam die Gemahlin des Ersteren auf dessen Zimmer, und fragte an, was solcher heute Mittag zu essen wünsche, ob Schweins-, Hammel- oder Kalbs-Keule? Ich fand dieses im schönsten häuslichen Einklang und war sehr erstaunt über die Aufmerksamkeit der Frau, welche sich zuvor nach dem Appetit des Mannes erkundigte. Nachdem bestimmt worden, was anzuschaffen sey, empfahl mich Herr Bindernagel seiner Frau Gemahlin mit dem Bemerken: mir bis zu seiner Zurückkunft Gesellschaft zu leisten, welches solche äußerst angenehm erfüllte, und dabei mit Wein und Kuchen bewirthete. — Bald kam der Mann, ein halber Millionär, zurück, am Arm den Handkorb mit dem gewünschten Fleisch, welches solcher, nach hiesigem Männergebrauche, der lieben Frau vom Markt geholt. — Ueberhaupt ist es Sitte, daß die Männer bei häuslichen Verrichtungen den Frauen an die Hand zu gehen pflegen, und den nöthigen Bedarf in die Küche aus den Stores (Kaufmannsläden) oder den Markthallen herbeischaffen.
Am nächsten Tage war zur bestimmten Zeit das Komptoir der deutschen Gesellschaft geöffnet, und Herr Rückardt suchte seine Abwesenheit an den vorigen Tagen damit zu entschuldigen, daß er immer erst spät von der Quarantäne-Anstalt zurückgekehrt sey, wo er die neu Ankommenden eben so wie es bei uns der Fall gewesen war, mit Rathschlägen unterstützt hätte.
Auf dieses Komptoir muß man kommen, um ein richtiges Bild zu erhalten, von der armseligen Lage so vieler Einwanderer in jetziger Zeit, wo Mancher genöthigt ist, Arbeit zu suchen, die sich selten weiter, als auf Eisenbahn- und Kanalbau erstreckt, und Viele in der Heimath keine Ahndung hatten, hier mit Hacke und Schaufel ihre Existenz zu sichern und das armselige Leben zu erhalten. Viele Hunderte suchen hier auf dem Komptoir, was selten Einer erhält, Beschäftigung; und ist solches wirklich der Fall, wie sehr verschieden von ihrem ursprünglichen Beruf. Bierbrauer gingen mit als Knechte auf das Land. Maler in Matches- (Zündhölzer) Fabriken, Apotheker in Restaurationen zum Rupfen des Federviehes, Schlosser zum Steineschneiden, Fleischer in Steinkohlen-Niederlagen, Drechsler auf den Fischfang u. s. w. Doch am schlimmsten trifft das Loos die nicht an schwere Arbeit gewöhnten Doktoren, Advokaten, Theologen, Kaufleute und Militärpersonen höhern Ranges, welche selten sogleich in ihrer Branche unterkommen, und häufig in Paradeschritt hinter der Schubkarre her marschiren müssen.
Uns selbst war die Losung, 10 englische Meilen von hier als Handlanger oder Erdarbeiter mit an dem Kanal zu schaffen, welcher New-York mit trinkbarem Wasser versehen soll, und erhielten demgemäß eine Anweisung zur 18. Sektion, wohin zu gelangen man das Dampfschiff besteigen mußte. Am andern Morgen segelten wir der neuen Bestimmung zu, wo ich mich selbst, um einen höhern Lohn zu erzielen, für einen Maurer ausgab, welches in Amerika um so leichter geht, da man nach keinem Lehrbrief, Kundschaft oder Wanderbuch fragt, sondern sich einzig und allein auf die Geschicklichkeit verläßt, mit welcher man den Geschäften vorstehen kann.
Meine Gefährden überschlugen schon auf dem Wege hierher die Zeit, wo bei möglichster Sparsamkeit so viel erübrigt werden könne, um die Rückreise in ihre Heimath wieder antreten zu können, denn Allen war der Muth gefallen, und übersatt hatten sie das liebe Amerika, ohne noch recht das eigentliche Drängen und Treiben hier kennen gelernt zu haben.