Dieser, um Gewißheit zu erhalten, ob ich einer der Passagiere sey, welcher sein Schiff mit befrachtet habe, schickte den Kapitän an mich ab, der nun in Begleitung eines Viertelsmeisters Nachricht über meine Lage und sonstigen Vermögensverhältnisse auszukundschaften suchte. Nach gewonnener Ueberzeugung, daß ich unter die Kategorie der Unbemittelten zu rechnen sey, machte derselbe noch einen Versuch durch Anbieten einiger Dollars, mich von meinem Verlangen, im Hospital aufgenommen zu werden, abzubringen, obgleich er sah, daß durch Verzögerung der nöthigen Hülfe mein Leben auf dem Spiele stand.
Während dieser Weitläuftigkeiten waren schon zwei Tage verflossen, und die entzündeten Theile verursachten durch anhaltendes Reiben und Drücken, die heftigsten Schmerzen, und mehrten die Gefahr, so daß mich die Angst vom Lager auf- und zurücktrieb, und mein Wimmern weit gehört wurde. Meiner Sinne nicht mehr mächtig, wünschte ich selbst mein Ende herbei, und murrte gegen den, welcher der beste Helfer in der Noth ist. Erst gegen Morgen nach der dritten Nacht verlangte der Schlaf seinen nöthigen Tribut, und schon stand die Sonne hoch, als man mich mit der Nachricht weckte, daß der Krankenwagen vor dem Hause halte.
Was ich von diesem Spital gehört, ließ mir solches als offenes Grab erscheinen und war schon die Aversion vor solchem hinreichend, von der nähern Bekanntschaft abzuschrecken, um so mehr fühlte ich Veranlassung gegen die Fuhre mich zu sträuben, da sich meine Natur, auf dem höchsten Gipfel der Gefahr, während des Schlummers selbst geholfen hatte und Gottes Güte mich noch länger den Meinen zu erhalten schien. Doch hier half kein Sträuben; der Befehl zum Abholen war gegeben und ich mochte wollen oder nicht, wurde ich doch in einen verschließbaren Breterkasten geschoben, welcher sogleich wieder verschlossen ward, damit den Inwohnern die Möglichkeit benommen werde, zu entschlüpfen.
Nicht allein war ich in diesem Behälter, schöne Gesellschaft saß noch neben mir. Eine Negerin mit verbundenem Kopfe hatte sich in die Ecke gekauert und ein Kreole, welcher durch Wetzen und Reiben zu erkennen gab, was ihm fehle, (oder besser, zu viel an sich hatte) saß mir gegenüber. Ein graußiger Anblick! schon spürte ich selbst ein Fressen, suchte mich möglichst entfernt zu halten, und sah daher mit bangem Sehnen der Oeffnung des Schlages entgegen.
Bald rechts, bald links, fuhr der Wagen durch lange Straßen eines Stadtviertels, welches ich noch nicht betreten und große unbebaute Räume enthielt, von welchem wir nur durch die hohen kleinen Löcher, wodurch das Licht spärlich in den Wagen fiel, die Spitzen der Bäume, oder das Dachgesims der Häuser erkennen konnten. Das Thor vom Vorhof unserer Bestimmung wurde nach erfolgtem Einlaß sogleich wieder geschlossen, damit keiner der hier Lebenden ohne besondere Erlaubniß sich entfernen könne.
Um sämmtliche, eine Stunde von der Stadt, am Wasser und auf Sandhügeln ausgeführten Gebäude dieser großen Armen- und Kranken-Anstalt geht eine Mauer und gleicht so beim Anblick einer kleinen Festung, welche alles Nöthige in sich faßt, um, abgeschnitten von der Stadt, auf längere Zeit mehre Tausende ihrer Bewohner erhalten zu können. Außer den nöthigen Apotheken findet man hier alle Professionisten in Thätigkeit, wie Schuhmacher, Schneider, Bäcker, Tischler, Wagner, Schmiede, Schlosser etc., welche ihrer Armuth wegen vom Magistrat erhalten, doch selbst nach Kräften die schaffenden Hände rühren müssen um zu ihrer Verpflegung möglichst mit beizutragen. —
Vor dem Administrations-Gebäude hielt der Wagen. Einige Aerzte, worunter ein Deutscher, erkundigten sich nach meinem Befinden und bestimmten nach genommener Rücksprache unter sich den Krankensaal, welcher mich aufnehmen sollte. Meine Reisegesellschaft wurde ebenfalls untersucht und anderswo untergebracht.
Zum dritten Stock eines langen Gebäudes führte die an der äußern Giebelseite angebrachte Treppe, welche zugleich mit einem Altan versehen war, worauf man bei heiterem Himmel frische Luft schöpfen konnte. Ringsum im Gemach standen die Schlafstellen und über jeder hing an der Wand ein Täfelchen, worauf der Name des Bedauernswerthen geschrieben war, welcher hier lag. Alles war besetzt, doch wie immer Einer dem Andern Platz macht in diesem Leben, hatte auch hier Freund Hain für mich gesorgt. Dicht an der Thür war Einer selig entschlafen und an dessen Stelle nahm ich die mit weißem Betttuch und frischen wollenen Decken versehene Lagerstätte ein. Zum Liegen verdammt, wurde mir das Aufstehen streng untersagt, ich erhielt Salbe und Spiritus zum Einreiben der entzündeten Stelle und der Magen, obgleich immer bei gutem Appetit, wurde mit Homöopathie kurirt. Thee und trockenes Brod des Morgens und Abends; mit Reis, Graupen oder Hirsen ohne Fleisch, wechselte man das Mittagsbrod.
Der Arzt, welchem die Kranken in diesem Saal anvertraut, verstand kein deutsch, und das Einzige, was solcher zu mir sprach, erstreckte sich nur auf das Wort: „Schmerzen?“ welches von mir, je nach Umständen mit: Yes oder No (Ja oder Nein) beantwortet wurde, das Uebrige mußte die Pantomime ersetzen. Zu allen diesen Unannehmlichkeiten gesellte sich bald die Langeweile, da ich des Englischen, welches hier nur gesprochen, nicht vollkommen mächtig war und die Klagetöne der Kranken, welche das Zimmer erfüllten, nicht zur Aufmunterung beitragen konnten. Doch auch hier ward geholfen, da ein Lehrer der deutschen und französischen Sprache, welcher seiner Angabe nach früher Professor in der Schweiz gewesen seyn wollte, nicht weit von mir ein Plätzchen fand und so zu meiner Unterhaltung beitrug. Der Arme litt an Steinschmerzen und mußte sich schmerzhaften Operationen unterwerfen. Neben ihm lag ein Schwindsüchtiger, dessen Lebenslicht nur langsam zu verlöschen schien. Dieser erhielt zur Stärkung ausnahmsweise bessere Speise, doch der Wärter, bedacht, daß der Kranke den Magen nicht überladen sollte, theilte jedesmal brüderlich die Portion und aß solche, unverschämt genug, sogleich vor Aller Augen.