Am achten Tage meines Hierseyns wurde ich mit einer neuen Leib-Bandage versehen und schon glaubte ich meine Entlassung nahe, als eine neue Plage mir beschieden, indem ein böses Friesel zum Vorschein kam und mich unwillkührlich an meinen Reisegefährten, den Kreolen, erinnerte; vermuthlich aber war es Ansteckung von meinem Vorgänger, dessen Lager ich eingenommen hatte.

Mehr und mehr schrumpfte bei aller Entbehrung der hungrige Magen und schon war die Bandage bis zum letzten Loch geschnallt. Was mir aber am meisten die Erlösung wünschenswerth machte, war der unerträgliche Luftzug beim Oeffnen der Thür während der Reinigung des Zimmers und bei dem fortwährenden Gehen der weniger kranken Patienten auf dem Altan, da eine so nöthige Doppelthür hier fehlte.

Am letzten Tage meiner Entlassung, den 30. Oktober, karambolirte ich noch mit dem Krankenwärter, der, ein Freund der Kunst, zugleich die Kommodität damit zu verbinden verstand, da er die vor jedem Bette befindlichen Spucknäpfe mit in den Sand gezeichneten Figuren verziert und wegen Nichtbeschädigung dieser Narrensposse daneben zu spucken anempfahl, welchem nachzukommen ich unterlassen hatte und dafür das beliebte Schimpfwort der Amerikaner, „Niks komm heraus!“ welches sie sich gegen die Deutschen bedienen, mehrmals mit anhören mußte[39].

Auf das ärztliche Zeugniß, daß ich einer weitern Behandlung nicht mehr bedürfe, bekam ich auf dem Bureau eine Karte, gegen die, beim Pförtner abgegeben, mir das Thor geöffnet wurde, und hungrig wie ein Wolf, eilte ich der alten Wohnung zu, um durch Speise und Trank die erschlafften Glieder aufs Neue zur Arbeit zu stärken.

Doch hier hatte sich während meiner Abwesenheit die Lage des Zimmermanns S. nicht gebessert, da er nur theilweis Beschäftigung gefunden und, um seine Familie zu ernähren, immer noch Sachen veräußern mußte. Auch an meine bei ihm in der Stube zurückgelassene Uhr war die Reihe gekommen und als Ersatz für dieselbe erhielt ich die trotzigen Worte: „daß ich ihm die Uhr nicht in Verwahrung gegeben und er deshalb auch nicht dafür verantwortlich zu seyn brauche.“ Doch noch schmerzlicher als dieser Verlust traf mich der von S. gemachte Vorwurf, daß ich durch die in Bremen ihm vorgestreckten Gelder der Urheber seines und seiner Familie Unglück sey, weil ihm nur dadurch die Möglichkeit gegeben worden, die Reise von da aus nach Amerika fortzusetzen. Dieses war mehr als Undank, und es blieb mir nichts, als diese bedauernswürdige Familie zu verabscheuen. Um der Ruhe willen und da ich auch unter solchen Verhältnissen für meine übrigen Sachen besorgt war, räumte ich sofort das Quartier, quittirte meine Forderung und fand bei dem Bäckermeister, wo mein Neffe und Freund Hallbauer in Arbeit waren, eine sichere und gastfreundliche Aufnahme.

Während meines Aufenthalts im Spital hatte sich Vieles im Geschäftsleben der New-Yorker verändert, indem am 5. und 6. November ein neuer Gouverneur gewählt werden sollte, bei welcher Wahl Whigs und Demokraten kein Mittel unversucht ließen, um die möglichst große Anzahl Stimmen für die Kandidaten ihrer Parthei zu erhalten und einem von diesen den gewöhnlich auf drei Jahre einzunehmenden Posten zu verschaffen. — Haben schon lange vorher die Zeitschriften sich abgemüht, alle wahren und erdichteten Fehler der am Ruder stehenden Personen zu beleuchten, so wird um die Zeit der Wahl das Gefecht desto hitziger und die ernsthafte Sache selbst, durch die verschiedenartigsten Karrikaturen ins Lächerliche gezogen. Unter freiem Himmel, so wie in passenden Lokalen, werden großartige Versammlungen besucht, wo die feurigsten Redner ihrem Gegner kein gutes Haar auf dem Haupte lassen. Treffende Witze und sonstige beißende Bemerkungen werden in Menge gespendet und der Applaus verräth die Anerkennung, welche die Versammlung dem Sprecher zollt. Besäße einer der Kandidaten nur die Hälfte der Fehler, welche man zu rügen keinen Anstand nimmt, wie traurig sähe es um das so gepriesene Amerika aus, welches dann so arm an rechtschaffenen Leuten seyn müsse. Doch nicht mit Rede und Schrift allein sucht man zu siegen, Bestechungen aller Art sind im Gefolge und viele Tausende werden geopfert. Auch die Noth der Zügel für die Armen in diesem freien Lande kömmt hier den Reichen trefflich mit zu Statten, da diese schlau genug zur Zeit der Wahl die Mehrzahl ihrer Leute entlassen. — Wer würde wohl nun anders denken, anders wählen als der Brodherr selbst? und um solchen zu gefallen und sich geneigter zu machen, unterlassen auch die Arbeiter nicht, möglichst viel Stimmen für ihre Parthei zu gewinnen. So kann es nicht anders kommen, da die Kandidaten selbst nichts unterlassen sich den Sieg zu verschaffen, daß nicht immer der Würdigste im Volke die Gouverneur-Stelle erhält, sondern eher ein solcher, der der gewandteste Intriguant ist.

Auch in der Fabrik des John Benson, wo ich vor der Krankheit in Arbeit gestanden, waren die meisten Gehülfen entlassen, und mir selbst das Wiederanfangen vor der Wahl, nicht erlaubt. Doch, um solches eher zu erzielen, trat ich jetzt mit meinem Plane hervor. Ich übergab Zeichnungen der neuesten, in Deutschland in Anwendung gekommenen Schwarzischen Brenn-Apparate, und stellte die Bedingungen, unter welchen ich mich zur Ausführung dieser Arbeiten verpflichtete. Die Sache selbst fand Anerkennung; leider konnte ich aber die gestellten Fragen wegen Welschkorn-Brennen nicht beantworten, da bei uns diese Fruchtart nicht gebräuchlich ist; ich sah mich deshalb veranlaßt, erst in den westlichen Staaten die nöthigen Kenntnisse zu sammeln und dann hierher zurückzukehren.


Siebenzehnter Brief.

Reise nach Utica im November 1839.