Unvergeßlich wird mir das im Jahr 1839 erlebte Weihnachtsfest bleiben und stets werde ich beim Wiederkehr des schönsten aller Feste, wo Jung und Alt sich freut, der damals erlebten trüben Tage mit Wehmuth mich erinnern.
Am Tage vor dem heiligen Weihnachtsabend war es, wo ich am Körper schwach und am Geiste abgespannt in New-Orleans ankam und wo wir gegen Bezahlung von vier Dollars à Person die Woche, bei einem gewissen Prak, Wirth eines deutschen Kosthauses, ein Unterkommen und Beköstigung fanden. — Langsam ging ich am Abend durch einige Straßen, um durch Anschauen ausgestellter Waaren mich mehr zu zerstreuen, doch alles umsonst; nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib und Kinder, welche bei jedem Freudenruf über schöne Geschenke aus lieben Händen sich des Vaters erinnerten, der jetzt traurig und verlassen in weiter Ferne weilte. Bei mangelndem Appetit erstarb der Bissen mir im Munde und kränker war ich, als ich es mir selbst gestehen wollte. Aber ein Retter und Helfer in der Noth stand tröstend mir zur Seite, mein braver Freund, mein treuer Aacke war es. Doch auch diesem lächelte nicht sogleich das Glück. Die ihm versprochene Stelle war wegen längeren Außenbleibens, als die festgesetzte Zeit bestimmte, an einen Andern schon vergeben und er wurde auf die Zeit vertröstet, wo die Krankheitsfälle sich mehren würden und die Provisoren Beschäftigung erhielten.
Auf diesen Fall nicht vorbereitet, waren die Mittel nicht ausreichend, uns Beide auf längere Zeit zu erhalten, und Aacke zu brav, um seine wohlthuende Hand von mir Kranken abzuziehen. Lange wurde jetzt überlegt, was in so kritischer Lage zu thun sey, bis Freund Aacke auf den Einfall kam, Matches (Zündhölzchen) anzufertigen, welche in einzelnen Paqueten verkauft, einen guten Lohn versprachen und solches eine leichte Arbeit war, die ich mit verrichten konnte. Schnell ging es ans Geschäft, das nöthige Werkzeug, Säge und Schnitzer wurden gekauft, und vom nächsten Bauplatz Abfallholz herbeigeschafft. Schon war ein Quantum fertig und zum Hausiren für mich der nöthige Korb bereit, als das verwendete nasse Holz die Zündkraft hemmte, und die Hölzer erst mehr getrocknet werden mußten.
Meine seit dem unglücklichen Wassersprung und dem Genuß von Quecksilber zerrüttete Gesundheit wollte sich nicht wieder regeln und die Kräfte nahmen zusehends ab. Bis zum Neujahrstag wurde es täglich schlimmer, da keine Medizin anschlagen wollte und schon glaubten Alle, welche mich sahen, daß meine letzte Stunde nicht mehr fern sey. Mein guter Aacke, mein treuester Freund in der Noth, stand tröstend, immer fragend, wie es gehe und was ich wünsche, mir zur Seite. Das letzte, warum ich ihn bat, da ich sah, daß sich meine Gesundheit nicht günstiger gestalten wollte, war der Wunsch, mich ins Hospital bringen zu lassen, um ihm so wegen der Zukunft weniger Sorge zu verursachen.
„Um nichts in der Welt gebe ich das zu“ versetzte der Brave. „Sie ins offene Grab zu legen, ehe verkaufe ich alle meine Sachen, wenn das Geld nicht ausreichen sollte.“ Der Genuß einiger Löffel Suppe, welche die theilnehmende Wirthin auf meinen Wunsch bereitete und der, wenn auch nur wenige Schlaf in der Nacht vom 1. zum 2. Januar, halfen den Lebensgeistern von Neuem auf und als Freund Aacke am Mittag mit der erfreulichen Nachricht an mein Lager trat, daß das Glück ihn begünstigt und er eine gute Stelle in einer Apotheke erhalten und so der Zukunft ohne Bangen entgegengesehen werden könne, so fühlte ich mich schon im Glauben um Vieles besser.
Das Ordnen der zum Verkauf fertigen Zündhölzer konnte durch Aacken nicht mehr geschehen, da er sofort sein Engagement antreten mußte, weshalb mir der Auftrag wurde, die Hölzer in angeschafften Blechkasten aufzubewahren, wenn die Mittagssonne nicht mehr auf die am Fenster des dritten Stockes auf einer Tafel aufgestellten Hölzer einwirken könne.
Ein deutscher Sattlergeselle, welcher ebenfalls auf Arbeit wartend, mit uns zusammen in einem Hause wohnte, suchte sich theils in meiner Gesellschaft, oder durch Schlafen die Zeit zu kürzen, und legte sich, da er mich schlummernd fand, mit einer brennenden Cigarre auf das neben den Schwefelhölzern stehende Lager. Halb im Schlafe, legte er Erstere auf den Tisch, und in dem Augenblick standen über 60 Dutzend Paquete Zündholzer in Flammen.
Der Unvorsichtige, durch den Vorfall, aller Geistesgegenwart beraubt, suchte eben das Zimmer zu verlassen, als der Schwefeldampf mich weckte. Meine Bitte, vereint mit mir möglichst schnell zu retten, befolgte er nicht, sondern floh zur Thür hinaus und machte im Hause Lärm.
Ich suchte durch Umstürzen der Paquete die Flamme zu ersticken, was aber nur theilweise gelang. Der Qualm nahm dabei schrecklich überhand und nur durch Oeffnen des Fensters konnte ich mich vor dem Ersticken schützen. Doch der Zutritt der Luft trieb die Flamme nach den Betten und jetzt blieb mir weiter nichts übrig, wollte ich nicht verbrennen, als auf allen Vieren den Rückzug anzutreten. Außerhalb des Zimmers unterlag ich einem solchen Erbrechen, wie ich es während der Seereise nicht gehabt. Von jetzt an, wo der Magen gereinigt, stellte sich der Appetit wieder ein, so daß sich mein Zustand zusehends besserte und zur Kur, wozu der Arzt mich zu schwach hielt, gab der Zufall, oder wie man es nennen will, Veranlassung.
Das Feuer wurde durch schnelle Hülfe in so weit getilgt, daß es nur die Betten und das Innere des Zimmers zerstörte, das Haus selbst aber blieb gerettet.