Die schönen warmen Tage bei jetziger Jahreszeit, gleich unsern Sommermonaten, wirkten wohlthätig auf mich und ich suchte mich täglich im Gewühl der geschäftigen Menge, den Hafen entlang spazieren gehend, zu sonnen. — Keine Stadt der Welt mag wohl eine größere Verschiedenheit der sich im geschäftigen Gewühl durch einander drängenden Bevölkerung darbieten, wie Orleans. Schwarze und weiße Einwohner aus allen Vereinigten Staaten, welche der im Winterhalbjahr hier gezahlte hohe Lohn herbeizieht (2–3 Dollars täglich), Eingewanderte aus allen Theilen Europa’s, vermischt mit Creolen und allen Abstufungen der farbigen Bevölkerung, bilden einen erstaunlichen und interessanten Kontrast von Sitten, Gebräuchen, Sprachen und Gesichtsfarben. Der Handel dieser Stadt von 50–60,000 Einwohnern ist bedeutend groß und ausgedehnt. Bisweilen sollen außer den Dampfbooten und Segelschiffen, 1000–1500 Flachboots auf den Werften liegen. Dampfboote kommen und gehen jede Stunde, wie sich überhaupt außer den schwülen Monaten ein Wald von Schiffsmasten im Hafen befindet. Besonders bieten die Monate Januar, Februar, März und April ein großes Bild von Geschäfts- und Handelsthätigkeit. Die Produkte aller Zonen finden hier ihren Markt, und was Früchte und Vegetabilien betrifft, so wird wohl schwerlich ein anderer Ort mehr und Vortrefflicheres aufweisen können.

Selbst die Sonntags-Feier bringt keine Unterbrechung in die Geschäftswelt; der Sonntag wird hier nicht, wie in den nördlichen Staaten, heilig gehalten. Alle Läden bleiben offen, und Nichts unterbricht den Geschäftsgang. Das Fahren, Reiten und Treiben der Menge bleibt sich wie an Wochentagen gleich; die Märkte bieten sogar an Sonntagen einen noch stärkern Verkehr, weil den Sklaven die Erlaubniß zusteht, an diesem Tage Alles, was sie verkaufen wollen, öffentlich feil zu bieten. Nur dann und wann sieht man einen andächtig Gestimmten dem Gotteshause zu pilgern, wo die leeren Räume hinlänglich Platz bieten, und der Lärm vor der Kirche durch betrunkenes Gesindel, wie der Gesang herumziehender Drehorgelspieler, zum Aergerniß Anlaß giebt.

Die ungesunde Jahreszeit, welche gewöhnlich mit dem Monat Juni anfängt, bringt Stockung in das bewegte Leben und erschlafft die Geschäftswelt, da der größte Theil der merkantilischen Bevölkerung die Stadt verläßt, und sich mehr nach den nördlich gelegenen Staaten zurückzieht. Die wenigen Zurückbleibenden werden dagegen in ihren Waarengewölben vom Müssiggang und Langweile aufgerieben, wenn sie auch das Glück haben sollten, dem tödtlichen Einfluß des Klima zu entgehen, und dem gelben Fieber nicht zu unterliegen, welches hier den Sommer über heimisch ist.

Dieses Bild der geschäftigen Massen wird jetzt aber durch die Geld-Krisis gestört, welche den Handel lähmt und Stockung in alle Geschäfte bringt. Tausende stehen ohne Beschäftigung am Strande, oder verbringen die Zeit in Branntweinhäusern, wovon wohl keine Stadt mehr dergleichen aufzuweisen hat, als Orleans. Branntwein ist das Universalmittel der Amerikaner. Branntwein muß Appetit schaffen und die Verdauung befördern, muß beruhigen und ermuntern, und ohngeachtet aller Mäßigkeitsvereine wird wohl nirgends mehr von diesem Gift genossen als in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders ist es aber Orleans, wo von diesem Göttertrank der größte Gebrauch gemacht wird, da man das schlechte Wasser als Entschuldigungsgrund anführt. Laufende Brunnen sind nirgends hier zu finden, und der sumpfige, morastige Boden liefert schon bei 2–3 Fuß Tiefe das nicht zu genießende faulige Pumpwasser; man bleibt daher auf Regen- oder das lehmig-schmuzige Flußwasser des Mississippi beschränkt, welches zum Verkauf in der Stadt herumgefahren wird.

Alles klagt jetzt über schlechte Zeiten, und vor Allem empfinden dieses die zur See hier ankommenden deutschen Auswanderer. Ohne Beschäftigung und Verdienst, lernen sie hier, wo alles doppelt theuer ist, oft in der größten Verzweiflung Noth und Sorgen kennen, von denen Viele früher nichts gewußt und um so weniger hier kennen zu lernen glaubten, wo ihnen die erhitzte Einbildungskraft nur goldene Berge verheißt. Bei alle dem sind sie gezwungen, länger hier zu weilen, da der Winter in den nördlichen Staaten die Flußschifffahrt beschränkt, und die Reise dahin erschwert, weshalb sich mancher genöthigt sieht, zu ergreifen, was der Augenblick bietet, wenn die Mittel für die Dauer nicht ausreichend seyn sollten.

Vor Allem ist es am schwierigsten ein Unterkommen auf das gelernte Geschäft zu finden, da der größte Theil der Waaren als Handelsartikel aus den nördlichen Staaten und Europa zugeschafft wird, weshalb man hier nur wenig Neues fertigt. Gröbere Arbeiten, wie Brennholz zu spalten und das Ausladen von Bau- und Pflastersteinen, welche letztere mehre Meilen weit um Orleans nicht gefunden werden und deshalb die Schiffer als Ballast mit hieher führen, werden meistens von Schwarzen ausgeführt, welche die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und deren Zahl die Höhe von 25–30,000 erreichen soll. Ebenso verrichtet diese Klasse Menschen alle Arbeiten in den Tabacks-Magazinen und den ungeheuren Baumwollen-Niederlagen, und wo Weiße mit beschäftigt sind, da giebt der Amerikaner lieber seinen geprüften Arbeitern höhern Lohn, als daß er einen erst ankommenden Deutschen, welcher der Sprache unkundig, für geringere Vergütung anstellen sollte.

Nichts bleibt demnach übrig, um sich und den Seinigen das Nöthige zu verdienen, als das Ein- und Aus-Laden der Dampfschiffe und Flachboote. Diese Arbeiten werden von Kapitäns Entrepreneurs übergeben, und von diesen die nöthige Mannschaft angenommen. Doch auch hierzu haben sich wiederum besondere Gesellschaften gebildet, welche selten außer ihren Kameraden einen Andern mit Hand anlegen lassen, wenn nicht vermehrte Arbeit und Mangel an Leuten dieses nöthig macht. In solchem Falle nur kömmt der arme Deutsche erst an, welcher mit den Pfiffen und Ränken des Amerikaner noch nicht vertraut ist und sich gern mit jedem Lohn, den man ihm bietet, begnügt. Nach vollendeter mehrtägiger Arbeit wartet er bescheiden des Rufes zur Empfangnahme der Zahlung und glaubt, wenn dieser nicht erfolgt, seine Person in Erinnerung bringen zu müssen, doch mit Schrecken wird er jetzt gewahr, daß der, welcher zu zahlen verpflichtet, nicht mehr vorhanden ist. Der Rekurs an den Kapitän bleibt ohne Erfolg, da ihm das Geschäft nichts mehr angeht, indem die akkordirte Summe schon gezahlt worden ist. Kommt nun Tages darauf der entwichene Schurke wieder zum Vorschein, so hilft alles Zuredestellen nichts. Ja, ich war Zeuge, wie man einen betrogenen Elsasser, welcher bescheiden den andern Tag nach dem sauer verdienten Lohne fragte, gleich Einem behandelte, welcher doppelte Löhnung verlangte, und mit Faustschlägen abwies.

Solche Betrügereien sind mir mehre bekannt worden, von denen ich eine noch anführen will: Drei jetzt mit bei uns wohnende Professionisten hatten, weil sie auf ihr erlerntes Geschäft kein Unterkommen finden konnten, vier Monate ihr Leben damit gefristet, daß sie bei einem Farmer Holz gefällt, und solches jetzt zum Verkauf nach Orleans gebracht hatten. Das Flachboot nebst Ladung war als Unterpfand des rückständigen Lohnes an die Betheiligten verpfändet, weshalb auch immer Einer von den Dreien auf dem Boote zur Aufsicht zurückblieb. Doch der Eigenthümer verkaufte ohne Vorwissen der Betheiligten das Holz und suchte eben mit der empfangenen Summe zu entweichen, als durch einen Zufall der Handel verrathen wurde, und dieser Schurke noch arretirt werden konnte. Vor Gericht gestellt, erklärte er Letzteres für inkompetent, da er zu einem andern County (Gerichts-Kreis) gehöre, und gab frech genug dabei zu verstehen, daß selbst dort, wo er her sey, seine Gläubiger wenig gewinnen würden, da sie außer Kost schon etwas Geld erhalten, und mehr zu geben er sich nicht verpflichtet fühle, indem bei dem abgeschlossenen Vertrage ein höherer Lohn nicht bedungen, und das Gegentheil zu beweisen, ihnen die Zeugen fehlten. Frei und triumphirend zog er von dannen, und die Geprellten wußten nicht, von was sie den Wirth bezahlen sollten; sie sahen einer traurigen Zukunft entgegen, da ihre Sachen versetzt, und die Mittel sie wieder einzulösen fehlten.