Dann ist es auch nicht immer die Unfruchtbarkeit des ausgesogenen Bodens, was den Amerikaner bestimmt, sein Eigenthum zu verlassen, sondern mehr die Habsucht des Gewinnstes, der beim Verkauf gemacht wird. — Nichts ist ihm heilig und theuer, sondern Alles verkäuflich. Das väterliche Erbe oder die Nähe der Blutsverwandten haben für ihn eben nicht mehr Werth, als ein erst kurze Zeit besessener Farmen unter fremden Nachbarn. Nicht an geselliges Leben gewöhnt, ist es ihm gleich, wo er sich von Neuem niederläßt, und er spielt die Rolle eines Robinson Crusoe, in wilder, noch nicht kultivirter Gegend so lange bis ein neuer Käufer ihn abermals bestimmt, mehre hundert Meilen weiter seinen Wohnsitz zu verlegen. Daher kommt es auch, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten so zerstreut wohnen und mitunter in ungesunden Gegenden sich niederlassen, obgleich die gesundesten und kultivirtesten Theile der mittleren Staaten noch zwei Mal so viel Einwohner aufnehmen und ernähren könnten.
Das zweistöckige Wohnhaus des Herrn Rehling ist nur aus Holz, aber in allen seinen Theilen bequem und regelmäßig aufgeführt und geräumig genug, um zwei Familien beherbergen zu können. Die Scheune, hundert Schritte vom Wohnhause entfernt, dient zugleich mit zum Obdache für Pferde und Kühe. Der untere Raum solcher Speicher wird in Amerika immer zur Stallung verwendet, daher die Tenne sich im zweiten Stocke des Gebäudes, wenn man solches von vorn ansieht, befindet; zum Aufbau einer Scheune wählt man gern als die passendste Lage den Abhang eines Hügels, wodurch das Gebäude hinten um einen Stock niedriger als vorn wird, und so das nöthige Niveau zur Einfahrt herstellt. — Diese Bauart gewährt noch den Vortheil, daß bei dem Dreschen mit Maschinen das durch die Tennen-Luke zugeschleuderte Stroh vor die Scheune geworfen wird, wo man es erst nach dem Dreschen am Abend aufbindet.
Daß man bei Anlage der Gebäude eines Farmen besonders Rücksicht auf den Stand der Scheune nehmen muß, bedingt die Art und Weise, wie man hier die Scheunen aufzuführen pflegt, welches von dem Ansiedler nicht übersehen werden darf. — Im Fall sich aber in der Nähe des zum Wohngebäude ausersehenen Platzes kein natürlicher Hügel befinden sollte, so wird die nöthige Steigung zur Einfahrt auf die Tenne durch Kunst geschaffen.
Waren auch die Höhen noch reichlich mit Holz besetzt, so hatte doch Rehlings Vorgänger unbarmherzig alle Bäume rings um die Wohnung niedergehauen, wie es der gewöhnliche Gebrauch der Amerikaner ist, da sie eine unüberwindliche Abneigung gegen Bäume besitzen, und dieselben als der Kultur sich entgegenstemmende Uebel, die beseitigt werden müssen, betrachten, und daher ohne Gnade Alles auf die Seite schaffen, was sich von solchen in der Umgegend ihrer Wohnungen befindet.
Rehlings erste Sorge war daher, das Schöne mit dem Nützlichen wieder zu vereinen, und in verschiedenen Gruppirungen Obstbäume aller Arten anzupflanzen. Den Sitz vor dem Hause aber beschatteten Akazien, die der Wohnung eine angenehme Kühle gewährten.
Doch das Kultiviren und Verschönern beschränkte er nicht auf die nächste Umgebung seiner Wohnung, sondern so weit die Gränze seines Eigenthumes geht, sah man in mannichfaltiger Abwechselung die Hand der Verbesserung angelegt. Hier wurde ein Sumpf trocken gelegt, dort eine Wiese durch gezogene Gräben bewässert, auch weislich der Viehdünger, welchen das Regenwasser von abhängigen Wegen mitbringt, in Gruben aufgefangen; auf den Bergen wurde nach Bedarf das Holz gelichtet, und am Abhange wiederum ein neues, zum Feldbau geklärtes, (von Holz gereinigtes) Stück Land mit einer Fense (Zaun) umgeben.
Doch auch der Hausfrau thätige Hände gaben Zeugniß von dem, was solche außer dem Hause zu schaffen vermögen, da im Hausgarten, welcher zu ihrem Departement gehörte, nichts versäumt war, um die Küche mit Gemüse aller Art zu versorgen. Auch einige Blumen zeigten wenigstens, daß hier eines Deutschen Farmer-Wohnung ist, welcher Sinn hat für das Schöne, was man bei dem Amerikaner vergebens sucht.
Doch nicht immer ist hier zu gebrauchen und bei der Feldwirthschaft in Anwendung zu bringen, was man im deutschen Vaterlande für zweckmäßig fand. Klima, anderer Boden und sonstige Verhältnisse mahnen zur Vorsicht und machen Aufmerksamkeit nöthig, wie die Nachbarn ihre Saaten und welche Sorten sie zu bestellen pflegen. — Herrn Rehlings vermeintes Besserwissen brachte ihn im ersten Jahre um die Aerndte, wodurch er klüger geworden, sich später mehr nach Sitte und Gebrauch des Landes richtete, und bei Abweichungen immer nur erst kleine Versuche anstellte. Dabei lies’t er fleißig nach vollbrachtem Tagewerke solche Zeitschriften, welche sich mehr über Landwirthschaft als Politik aussprechen, und auf diesem Wege kann sich der Neuling über Alles das leicht belehren, was er zu wissen nöthig hat.
Ueber den Werth der Zeitungen als Beförderungsmittel der Volksbildung in Amerika, und warum ein amerikanischer Farmer, so und nicht anders sein Feld bewirthschafte, drückt sich Gall, wie mir aus dem Herzen gesprochen, in seinem Reiseberichte folgendermaßen aus:
„Je weniger ich dem politischen Theil der amerikanischen Zeitblätter meinen Beifall zollen kann, um so mehr haben sie mich in wissenschaftlicher Rücksicht befriedigt. Diese Aeußerung mag mit dem Urtheile anderer Reisenden im Widerspruche seyn, das thut aber nichts; dafür ist es auch der Ausspruch meiner eigenen Ueberzeugung. Ich habe darin zwar nie eine Untersuchung der wichtigen Frage gefunden: ob das erste Huhn vor oder nach dem ersten Ei gewesen, noch, wer der Mann im Monde sey? Solche Forschungen überlassen die Amerikaner bescheiden uns überlegenen Europäern. Aber ich habe auch nicht ein einziges Blatt in die Hände genommen, welches nicht irgend einen belehrenden Artikel über Gegenstände des nützlichen, praktischen Wissens enthalten hätte und zwar in einer für alle Leser verständlichen Sprache. Da ist kein Zweig der Landwirthschaft, kein Gewerbe, keine nützliche Kunst, auf deren Vervollkommnung nicht immer die Aufmerksamkeit Tausender gerichtet wäre. — Kein Tag vergeht, an welchem nicht aus allen Theilen der Union bewährte Erfahrungen, neue Entdeckungen und Verbesserungen ohne Rückhalt mitgetheilt, oder angestellte Versuche mit ihren Erfolgen bekannt gemacht werden, damit deren Anwendbarkeit auch in andern Gegenden versucht werden könne. Unterrichtende Aufsätze über Gewitter, brennende Dünste, Mehlthau, Selbstentzündungen, Komete, Meteore, farbige Regen etc. erklären diese und ähnliche außerordentliche Erscheinungen in der Natur und indem sie so der gefährlichsten Pest, dem Wunderglauben, eine unübersteigliche Schranke entgegenstellen, machen sie zugleich auf die bekannten oder möglichen, wohlthätigen oder nachtheiligen Einwirkungen solcher Erscheinungen auf Witterung, Vegetation etc. aufmerksam.“ —