REFORMATION UND RENAISSANCE.

MARTIN LUTHER.

[Scherer D. 276, E. 272.]

Geboren zu Eisleben 10. Nov. 1483 als der Sohn eines Bergmanns. 1501 auf der Universität zu Erfurt, wo er 1502 promovierte und 1505 ins Augustinerkloster trat. 1508 nach der Universität Wittenberg berufen; 1510 nach Rom gesandt; 1512 Doctor der Theologie; 1517 seine Thesen gegen Tetzel; 1520 vom Pabst in den Bann gethan; 1521 auf dem Reichstag zu Worms, dann versteckt auf der Wartburg; 1522 nach Wittenberg zurück, wo er seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments herausgiebt; 1523 die Bücher Moses; 1524 die Psalmen; 1529 den deutschen Katechismus. Vollständige Bibelübersetzung 1534. Luther starb am 18. Februar 1546. Die beste Gesammtausgabe Erlangen 1826–57, 67 Bde. Eine kritische Gesammtausgabe ist im Erscheinen begriffen; bisjetzt kamen Bde. I-III (Weimar 1883–85) heraus. Kritische Ausgabe der Bibelübersetzung von Bindseil und Niemeyer, 7 Thle (Halle 1850–55); Facsimile der sogenannten Septemberbibel, d. i. des Neuen Testaments vom September 1522 (Berlin 1883). Briefe herausgegeben von de Wette Bd. 1–5 Berlin (1825–28), Bd. 6 von Seidemann (Berlin 1856); ferner von Seidemann, Dresden 1859; Burkhardt (Leipzig 1866); Kolde ‘Analecta Lutherana’ (Gotha 1883).

1.
AUS DEM NEUEN TESTAMENT VON 1522. (1 COR. 13).

Wenn ich mit menschen vnd mit engel zungen redet, vnd hette die liebe nicht, so were ich eyn dohnend ertz, odder eyn klingende schelle, Vnd wenn ich weyssagen kundt, vnd wuste alle geheymnis, vnd alle erkentnis, vnd hette allen glawben, also, das ich berge versetzete, vnd hette der liebe nicht, so were ich nichts. Vnd wenn ich alle meyn habe den armen gebe, vnd liesz meynen leyb brennen, vnd hette der liebe nicht, so were myrs nichts nutze.

Die liebe ist langmutig vnd freuntlich, die liebe eyffert nicht, die liebe schalcket nicht, sie blehet sich nicht, sie stellet sich nicht honisch, sie sucht nicht das yhre, sie lest sich nicht erbittern, sie gedenckt nicht arges, sie frewet sich nicht vber der vngerechtickeyt, sie frewet sich aber mit der warheyt, sie vertreget alles, sie glewbet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles, die liebe verfellet nymer mehr, {10}szo doch die weyssagung auffhoren werden, vnd die zungen auffhoren werden, vnd das erkentnis auffhoren wirt.

Denn vnser wissen ist stuckwerck, vnnd vnser weyssagen ist stuckwerck, Wenn aber komen wirt, das volkomene, so wirt das stuckwerck auffhoren. Da ich eyn kind war, da redet ich wie eyn kind, vnd richtet wie eyn kind, vnd hette kindische anschlege, Da ich aber eyn man wart, that ich abe was kindisch war. Wyr sehen ytzt durch eyn spiegel ynn eynem tunckeln wort, denne aber von angesicht zu angesicht. Itzt erkenne ichs stucksweysz, denne aber werd ichs erkennen, gleych wie ich erkennet byn. Nu aber bleybt, glawbe, hoffnung, liebe, dise drey, aber die liebe ist die grossist vnter yhn.

VORLUTHERSCHE ÜBERSETZUNG (NACH DER FÜNFTEN DEUTSCHEN BIBEL, AUGSBURG, ETWA 1473–75, BEI GÜNTHER ZAINER).