Ob ich red in der czungen der aengel und der menschen, aber ich {10} hab der lieb nit, ich bin gemachet als eyn glockspeis lautent oder als ein schell klingent. Und ob ich hab die weyssagung unnd erkennen alle heymlikait unnd alle kunst, unnd ob ich hab allen den gelauben, also das ich uebertrag die baerg, hab ich aber der liebe nit, {20} ich bin nichts. Und ob ich ausztayl alles mein guot in die speys der armen, und ob ich antwurt meinen leyb, also das ich brinne, hab ich aber der liebe nit, es ist mir nichts nutz.

Die lieb ist duldig, sy ist guetig. Die lieb die neyt nit, sy thuodt nit unrecht, sy zerpläet sich nit, sy ist nitt geitzig auf eer, sy suocht nit die ding, die ir seynd, sy wirt nit geraytzet. Sy gedenckt nit das uebel, sy freut sich nit ueber die boszheyt, aber sy mit frouwet sich der warheyt, alle ding uebertregt sy, alle ding gelaubt sy, alle ding hoffet sy, alle dyng duldet sy. Die lieb gevil nye. Es sey das die weyssagungen werden geraumet, oder das die zungen aufhoerent, {30} oder das die wissenheyt werde verwuest.

Wann wir erkennen unvolkumenlich, und weissagen unvolkumenlich. So aber kumpt, das do volkumen ist, so wirt auszgeraumet, das do unvolkumen ist. Do ich klein was, ich redt als ein kleiner, so ich aber bin ein man worden, do han ich auszgeraumet die ding, die do warn des kleinen. Wann nun sehen wir durch den spiegel in bedeckung, aber denn von antlitz zu antlutz. Nu erkenn ich unvolkumenlich, aber denn wird ich erkennen, als auch ich bin erkant. Aber nu beleibent dise drey ding, der gelaub, die hoffnung, die liebe, aber die groesser ausz den ist die liebe.

2.
AUS DEM BRIEFE ‘VOM DOLMETSCHEN’ (8 Sept. 1530).

Gnad und Friede in Christo! Erbar, fursichtiger lieber herr vnd Freund! Ich hab ewer Schrifft empfangen mit den zwo Fragen, {10} darin jr meines Berichts begert. Erstlich, warumb ich in der Epistel Röm. 3 die wort S. Pauli Arbitramur hominem justificari ex fide absque operibus legis also verdeudscht habe, Wir halten, das der Mensch gerecht werde, on des Gesetzes werck, allein durch den Glauben, Vnd zeigt daneben an, wie die Papisten sich vber die massen vnnütz machen, weil im text St. Pauli nicht stehet das Wort sola (allein) Vnd sey solcher Zusatz von mir nicht zu leiden in Gottes worten....

Ich weis wol, was fur kunst, vleis, vernunfft, verstand zum guten Dolmetschen gehöret. Es heisst, Ver am Wege bawet, der hat {20} viel Meister, Also gehet mirs auch.... Ich hab mich des gefliessen im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein einiges Wort gesucht vnd gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden. Im Hiob erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus[669] vnd ich, das wir in vier tagen zuweilen kaum drei zeilen kundten fertigen. Lieber, nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern, Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken[670] vnd Klötze da gelegen sind, da {30} er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt Bret, da wir haben must schwitzen vnd vns engsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den Wald vnd die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da wil niemand an, Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen, Kann doch Gott selbs mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod, keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil sie ja nicht anders wil.

Also habe ich hie Röm. 3 fast wol gewusst, das im Lateinischen vnd Griechischen Text das wort sola oder solum nicht stehet, vnd {10} hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen leren. War ists, Diese vier buchstaben sola stehen nicht drinnen, welche buchstaben die Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein, Denn ich habe Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt von zweien dingen, der man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts (allein) neben dem wort {20} (nicht oder kein), Als wenn man sagt, Der Bawr bringt allein Korn vnd kein Gelt, Item, ich hab warlich jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen und noch nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen? Vnd dergleichen vnzeliche Weise in teglichem brauch. In diesen reden allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut, so thuts doch die Deudsche und ist jr art, das sie das wort (Allein) hinzusetzt, auf das das wort (nicht oder kein) deste völliger vnd deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter {30} im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetschen, So verstehen sie es denn und mercken, das man Deudsch mit jnen redet.... So wil ich auch sagen, du holdselige Maria, du liebe Maria, Vnd lasse die Papisten sagen, du vol gnaden Maria. Wer Deudsch kan, der weis wol, welch ein hertzlich fein wort das ist, die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Keiser, der liebe Fürst, der liebe Man, das liebe Kind. Vnd ich weis nicht, ob man das wort liebe, auch so hertzlich vnd gnugsam in Lateinischer oder andern sprachen reden müge, das also dringe vnd klinge ins hertz, durch alle sinne, wie es thut in vnser Sprache....

3.
AUS DER PREDIGT ‘DAS MAN KINDER ZUR SCHULEN HALTEN SOLLE’ (1530).

Es meinen wol etliche, das Schreiberampt sey ein leicht, geringe ampt, Aber im Harnisch reiten, hitz, frost, staub, durst vnd ander vngemach leiden, das sey eine erbeit. Ja, das ist das alte gemeine {10} tegliche Liedlin, das keiner sihet, wo den andern der schuch druckt; Jederman fület allein sein ungemach und gaffet auff des andern gutgemach. War ist’s: Mir were es schweer, im Harnisch zu reiten; Aber ich wolt auch gern widerumb den Reuter sehen, der mir künde einen gantzen tag still sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, tichten, dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber, Prediger und Redener, was schreiben und reden fur erbeit sey, Frage einen Schulmeister, was leren und knaben zichen fur erbeit sey. Leicht ist die Schreibfedder, das ist war, ist auch kein Handzeug unter allen Handwercken bas zu erzeugen, {20} denn der Schreiberey. Denn sie bedarff allein der gense fittich; der man umbsonst allenthalben genug findet. Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) und das edelste glied (als die Zunge) und das höhest werck (als die rede), so am Menschenleibe sind, hieher halten und am meisten erbeiten, da sonst bey andern entweder die faust, füss, rucken oder dergleichen glied allein erbeiten, und können daneben frölich singen und frey schertzen, das ein Schreiber wol lassen mus. Drey finger thuns (sagt man von Schreibern); Aber der ganz Leib und Seel erbeiten dran.

{30} Ich hab von dem löblichen theuren Keiser Maximilian hören sagen, Wenn die grossen Hansen drumb murreten, das er der Schreiber so viel brauchte zu Bottschafften und sonst, das er sol gesagt haben: Wie sol ich thun? sie wöllen sich nicht brauchen lassen, so mus ich Schreiber darzu nemen? Und weiter: Ritter kan ich machen, aber Doctor kan ich nicht machen. So hab ich auch von einem feinen Edelman gehöret, das er sagt: Ich wil meinen Son lassen studiren. Es ist nicht grosse Kunst zwey bein uber ein Ross hengen und Reuter werden; das hat er mir bald gelernt: und ist fein und wol geredt.