Doch merk ich selbst aus seinem Fleiss,
Dass er vom Schreiben wenig weiss. 30
Denn hält man diesen Satz bewährt,
Dass Denken nur den Kopf beschwert;
So folgt auch: Es gesteht die Welt,
Der schreibt gut, dem’s nicht mühsam fällt.
Draus macht selbst die Vernunft den Schluss,
Dass der, so niemals denkt, am besten schreiben muss.
Mich deucht, dieser Beweis ist unumstösslich. Der andere ist ein Franzose, und, O bienheureux Ecrivains, rufet er aus, Mr. de Saumaise en Latin, et Mr. de Scuderi en François! J’admire vôtre facilité, et j’admire vôtre abondance. Vous pouvez écrire plus de Calepins, que moi d’Almanachs. Bienheureux, fährt er fort, les Ecrivains qui se contentent si facilement, qui ne travaillent que de la memoire et des doigts, qui sans choisir écrivent tout ce qu’ils savent[1182]. Ist es nicht ewig Schade um die ehrlichen Männer, dass sie, da sie so viele Erleuchtung hatten, sich nicht bestrebet haben, uns gleich zu werden? Sie haben übel bey sich gehandelt. Ich {10} beklage sie, und halte sie, als Zeugen der Wahrheit ungemein hoch. Sollten sie jetzund noch leben, da meine vortreffliche Schrift zum Vorschein kömmt: so würden sie unstreitig ganz umgekehret, und neue Menschen werden.
Ich kehre wieder zu meinem Zweck, und sage, dass wir, wenn wir schreiben wollen, die Prüfung unserer Kräfte, mit welcher sich unsere Feinde quälen, vor eben so unnütz halten, als Vernunft und Nachdenken. Wir brauchen so vieler Umstände nicht. Wir haben die besondere Gabe von der Natur, dass wir schreiben können, was wir nicht gelernet haben, und von Sachen urtheilen können, die wir {20} nicht verstehen. Wir schreiben ganze Bücher von der Möglichkeit einer ewigen Welt, und handeln die schwersten Fragen aus der Weltweisheit, auf eine ganz eigene Weise, ab, ob wir gleich nichts davon begreifen. Philippi kann unbesehens von den Schriften urtheilen, die für und wider die wolfische Philosophie herausgekommen sind. Sievers, der kaum seinen Catechismus weiss, ist doch geschickt, andere zu lehren, was der seligmachende Glaube sey, und Rodigast kann die ungeheuresten Werke aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen, ob er gleich weder Latein noch Deutsch verstehet, und niemand, ja vielleicht er selbst nicht, weiss, {30} was er vor eine Sprache redet. Hätte dieses edle Kleeblat elender Scribenten sich lange besinnen, und seine Kräfte untersuchen wollen, ehe es die Feder ansetzte: so will ich wetten, wir würden noch nicht wissen, ob es in der Welt sey. Allein wir elende Scribenten sind so misstrauisch gegen uns selbst nicht; weil wir wissen, dass uns, auch bey der grössten Schwachheit, alles möglich ist.