Diese vortreffliche Eigenschaft erhebet uns unendlich über unsere Feinde. Ein guter Scribent muss seine besten Jahre mit einem verdriesslichen Lernen verderben: weil er die abergläubige Einbildung hat, man könne sonst nicht schreiben. Wir hergegen fangen ganz frühe an zu schreiben, und warten nicht, bis die bösen Tage kommen, und die Jahre herzutreten, da man sagt: Sie gefallen mir nicht. Wir können gleich, ohne alle Vorbereitung, zum Werke schreiten; und ehe ein guter Scribent mit der Einsammlung der Sachen fertig ist, die er zu seinem Zweck nöthig {10} achtet, haben wir uns zehenmal in Kupfer stechen lassen, und den besten Platz in den Buchläden eingenommen. Ein guter Scribent mag seine Zeit noch so wohl angewandt und sich zum Schreiben so geschickt gemacht haben, als er immer will: so wird er doch allezeit gestehen, dass einige Materien ihm zu hoch sind, und selbst von denen, die er verstehet, nicht ohne vorhergegangene Überlegung und mit Furcht und Zittern schreiben. Uns ist keine Materie zu hoch. Wir wissen alles, ob wir gleich nichts wissen. Wir schreiben drauf loss und kehren uns an nichts. Und daher hat die Welt von uns die besten Dienste. Wir entdecken eine {20} unsägliche Menge der gefährlichsten Irrthümer, die unsere Feinde gemeiniglich übersehen, und das in Schriften, die wir nicht gelesen haben, und die wir, wenn wir sie lesen, kaum verstehen. Wir sind die eifrigsten Vertheidiger der Wahrheit und ein Schrecken der Ketzer. Wir entdecken sie, wie sehr sie sich auch verbergen; und ob wir gleich nicht wissen, was Ketzer und Ketzerey ist: so kann uns doch keiner entwischen; weil wir wie die Hunde, die das Capitolium bewacheten, den sichersten Weg gehen, und alles, was uns verdächtig vorkömmt, anbellen. Unsere Feinde verdenken es uns, dass wir so oft einen unnützen Lerm erregen. Sie wollen, {30} dass man mit Behutsamkeit und Verstand eifere; aber eben dadurch verrahten sie ihre Schwäche, und geben uns das Zeugniss, dass wir ohne Nachdenken und Verstand eine der wichtigsten Pflichten eines Wahrheit- und Ordnung-liebenden Menschen beobachten können, welches gewiss nichts geringes ist.


CHRISTOPH VON GRIMMELSHAUSEN.

[Scherer D. 380, E. 387.]

Geboren 1625 zu Gelnhausen in Hessen, als Sohn bäurischer Eltern. Er wurde als zehnjähriger Knabe von den Hessen geraubt und musste Soldatendienste thun. Nach dem deutschen Friedensschlusse 1648 verliess er den Soldatenstand und begab sich vermuthlich auf Reisen nach Holland, Frankreich und der Schweiz. Später stand er in Diensten des Bischofs von Strassburg und war in seinen letzten Lebensjahren Schultheiss zu Renchen am Schwarzwald. Hier starb er 1676. Er schrieb unter verschiedenen anagrammatischen Namen: Samuel Greifnson vom Hirschfeldi German Schleifheim von Sulsfort u. a. Sein berühmtester Roman ist der ‘Abentheuerliche Simplicissimus Das ist: Beschreibung dess Lebens eines seltzamen Vaganten, genant Melchior Sternfels von Fuchshaim’ 1669. Herausgegeben von Keller (Stuttgart 1854–62, 4 Bde.); Kurz (Leipzig 1863, 64, 4 Bde.); Neudruck des ‘Simplicissimus’ von Kögel (Halle 1880).

AUS DEM SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS.

Simplicij Bäurisches Herkommen,

und gleichmässige Auferziehung.