Nicht so, wie mit Harnstoff und Schwefelsäure, verhielt es sich dagegen nach der Rückkehr aus dem Bade mit Harnsäure und Phosphorsäure. Trotz der der frühern ganz gleichartigen Lebensweise wurden vor dem Gebrauch des Bades täglich ausgeschieden:
| 0,418 | Grm. | Harnsäure | und | 2,893 | Grm. | Phosphorsäure | , | |
| jetzt, nach dem Bade: | 0,193 | „ | „ | u. | 1,990 | „ | „ | ; |
und trennen wir wieder die letztern 6 Tage in die 2 Mal 3 Tage, so wurden während der
| ersten 3 Tage im Mittel: | 0,292 | Grm. | Harnsäure | und | 2,302 | Grm. | Phosphorsäure | , | dagegen |
| während der letzten 3 Tage: | 0,095 | „ | „ | u. | 1,679 | „ | „ | entleert.— | |
Auch hier tritt uns zunächst wieder der oben so oft beobachtete Parallelismus der Harnsäure und Phosphorsäure entgegen, ein Umstand, auf den ich, bei der Bedeutung der Phosphorsäure für den Ernährungsprocess und bei der Mangelhaftigkeit der Physiologie des letztern jedesmal von Neuem aufmerksam machen möchte. Dann aber fällt es sofort auf, dass beide Stoffe, nicht wie Harnstoff und Schwefelsäure zu dem vor dem Badegebrauch beobachteten Mengenverhältniss zurückkehren, vielmehr weit hinter demselben zurückbleiben, ja noch unter das im Bade selbst beobachtete Minimum herabsinken; dass ferner diese auffallende Erscheinung am frappantesten in einem Zeitraum, der 4 Wochen von der letzten Badezeit getrennt war, hervortritt.—Bestätigen fernere Untersuchungen dieses Factum, so wird dasselbe ohne Frage zur Erklärung der so oft beobachteten s. g. Nachwirkung des Seebades auf den Ernährungsprocess benutzt werden können und uns die nachträgliche Hebung des letztern in ihrem wahren Grunde erkennen lassen.—Erinnern wir uns der obigen Annahme, dass der Gebrauch des Bades die Production von Harnsäure im Organismus absolut steigere, eine vermehrte Ausscheidung derselben bedinge,—ein Verhältniss, dessen causaler Nexus vorläufig dahingestellt bleiben muss—, so ist die auffallende Verminderung der Harnsäurequantität in den nächsten 4 Wochen nach dem Bade nicht eben auffallend. Die Harnsäure kann sowohl aus integrirenden Körperbestandtheilen, als direct aus den eingeführten Nahrungsmitteln hervorgehen. Es ist sehr wohl möglich, dass im Gange des gewöhnlichen Lebens jene integrirenden Körperbestandtheile einen sehr bedeutenden Theil des Bildungsmateriales für die Harnsäure liefern, und eben so möglich wieder, dass das Seebad die Metamorphose dieses Bildungsmateriales in der Weise beschleunigt, dass eine „absolut vermehrte Harnsäureproduction“ resultirt und für die nachfolgende Zeit der Vorrath an jenem Materiale einstweilen erschöpft ist. Dann erscheint selbstverständlich im Harne nur diejenige Quantität Harnsäure, welche aus den eingeführten Nahrungsmitteln direct hervorgeht, eine Quantität etwa, wie wir sie in den letzten Untersuchungsperioden gefunden haben. Wird nun aber in dieser Weise in Folge des Badegebrauchs absolut weniger Harnsäure im Organismus producirt, so wird, nach den oben gegebenen Auseinandersetzungen, damit auch weniger Oxalsäure gebildet und damit endlich eine geringere Ausscheidung von Phosphaten bedingt. Der Organismus erfährt jetzt also, ebenso wie während des Aufenthaltes auf der Insel, noch fortdauernd einen Gewinn an Phosphorsäure, ein Gewinn, der im Stande ist uns diejenigen Zunahmen des Embonpoint zu erklären, die wir oftmals erst im 2ten oder 3ten Monat nach dem Gebrauch des Seebades zu beobachten Gelegenheit haben, ein Gewinn ferner, der im vorliegenden Falle nicht unbedeutend war, wenn wir bedenken, dass vor dem Bade täglich 2,893 Grm., nach der Badezeit aber nur 1,990 Grm. Phosphorsäure ausgeschieden wurden.—Erinnere man sich bei der Ueberlegung dieser Thatsachen und Vermuthungen stets des Experimentes von Wöhler und Frerichs, welches nach Harnsäurefütterung eine Vermehrung des Harnstoffgehaltes des Urins und Erscheinen von Oxalsäure in demselben kennen lehrte; erinnere man sich ferner des von mir erwiesenen Satzes, dass reichlicher Gehalt des Urins an Oxalaten immer zusammenfällt mit abnorm reichlichem Gehalt desselben an Erdphosphaten—, und, ich meine, wir gewinnen damit eine Einsicht in die schwierigen Verhältnisse des Ernährungsprocesses, die für Pathologie sowohl, als Therapie von grossem Werthe ist. An stickstoffhaltigem Materiale (Albuminaten) und an Fetten fehlt es selten, vielleicht nur in wirklichen Inanitionszuständen; aber das dritte Requisit für den Zellenbildungsprocess, die Phosphorsäure (und specieller: der phosphorsaure Kalk) ist vermöge seiner Abhängigkeit von leicht veränderlichen Verhältnissen der Stoffmetamorphose (Harnsäure- und Oxalsäurebildung) steten Schwankungen unterworfen und bedingt—ich bin davon überzeugt—in der grossen Mehrzahl der Fälle allein die mannigfachen Schwankungen in der Körperzu- und -abnahme, die uns im praktischen Leben entgegentreten. Das Studium der Wirkung des Seebades ist in der That nicht sowohl deshalb von Wichtigkeit, weil es uns mit der Wirkung eines einzelnen Heilmittels vertraut macht, sondern namentlich deshalb, weil es auf die gesammte Lehre von dem Ernährungsprocess des Körpers ein bedeutendes Licht zu verbreiten verspricht.—
Wir bringen also die Verminderung der Harnsäure im Urin in der dem Seebade folgenden Zeit noch auf Rechnung des Bades, es documentirt sich in ihr eine s. g. Nachwirkung; ihr entsprechend ist die Phosphorsäureausscheidung gering; die Ernährung des Körpers hebt sich noch fort und fort.—Die Körpergewichtsbestimmungen dienen zur Unterstützung dieser Ansicht.—Während das Körpergewicht am Ende der Untersuchungen auf Wangeroge, am 12ten August, 125
321 Grm. betrug, belief es sich am 1sten Septbr. zu gleicher Tageszeit auf 127
175 Grm. Der in Wangeroge erreichte Gewinn war also nicht nur ein bleibender, sondern wuchs noch, auch nach erfolgter Rückkehr. Und wenn dieser fortschreitende Gewinn in der ersten Zeit des September sich nicht mehr so augenscheinlich kund gab, wenn wir am 13. Septbr. wieder ein Gewicht von nur 126