Ueber die Verschiedenheit der See- und Continentalluft in Betreff anderer und namentlich heterogener Bestandtheile ist sehr wenig bekannt. Es lässt sich freilich annehmen, dass die Seeluft im Allgemeinen frei ist von allen Effluvien des Erdbodens die sich der Continentalluft in oft Krankheit erzeugender Quantität beimischen, frei ferner von allen Beimischungen, die das Leben in der Stadt nur zu oft beklagen lässt, und man darf ihr in dieser Beziehung sicher eine negative Wirkung zuschreiben.

Auch in Wangeroge wird die Luft nur ausnahmsweise bei Süd- und Südostwinden miasmatische Effluvien aus den Marschdistricten Oldenburgs und Hannovers mit sich führen können. Ob sie aber in Folge dieses Mangels an heterogenen Bestandteilen auch einen positiven und zwar beschleunigenden Einfluss auf den Stoffwechsel auszuüben vermag, möchte schwer zu beweisen und in der That kaum anzunehmen sein. So viel sich aus allen pathologischen Thatsachen erschliessen lässt, bewirken jene Miasmen nur qualitative, nicht aber auch quantitative Veränderungen des Stoffwechsels; sie bedingen, wie es scheint, mehr Veränderungen der katalytischen Vorgänge im Organismus, als der quantitativen Verhältnisse der Mischung, der Einnahme und Ausgabe.

Von grosser Bedeutung für unsre Frage scheint dagegen ein andrer, und zwar nicht heterogener Bestandtheil der Luft zu sein; ich meine das vom Prof. Schönbein in Basel entdeckte Ozon. Wir berühren damit einen Gegenstand, der in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit vieler Forscher auf sich gezogen hat und dessen Wichtigkeit für Pathologie und Therapie eine sehr bedeutende zu werden verspricht.—

Das Ozon ist nach Schoenbeins Untersuchungen[30] eine der am kräftigsten oxydirenden Substanzen, ein „Sauerstoff in erregtem Zustande.“ Es bildet sich in Folge der Erregung, die die Luftelectricität dem Sauerstoff der Luft mittheilt und in dem jedesmaligen starken Ozongehalt der Luft nach Gewittern, in der Einwirkung des elektrischen Funkens auf die Schönbeinschen Ozometer, in dem Geruch des Ozons liegen Beweise dafür. Es zeichnet sich endlich aus durch die besondere Eigenschaft, mit allen miasmatischen Stoffen chemische Verbindungen einzugehen und so die Luft zu desinficiren. Eine Atmosphäre von 1⁄6000 Ozongehalt ist nach Schönbein’s Untersuchungen im Stande das 540 fache Volumen einer Luft zu desinficiren, welche eben so stark miasmatisirt ist, als es 60 Liter Luft durch 1⁄4

Fleisch in stärkster Verwesung in einer Minute werden.—

[30] S.C.F. Schoenbein: „Ueber einige mittelbare physiologische Wirkungen der atmosphärischen Electricität“ in Heule’s und Pfeuffer’s Zeitschrift für rationelle Medicin. Neue Folge. I. Bd. 3. Heft. pag. 384.—Desgl. in Liebig und Wöhler’s Annalen. Bd. 89. Heft 3.

Sind diese Forschungen richtig, und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, so erhält der Ozongehalt der Luft, in welcher wir leben, selbstverständlich auch eine hohe Bedeutung für die sämmtlichen Lebensprocesse, für den Stoffwechsel, ja wir dürfen hoffen, mit seiner Kenntniss auch eine nähere Kenntniss von dem unläugbaren Einfluss der Luftelectricität selbst auf den Organismus zu erlangen. Es wird darauf ankommen den Gehalt der Luft an Ozon in verschiedenen Gegenden und unter verschiedenen Verhältnissen genau zu prüfen, locale Morbilitätsverhältnisse mit den Resultaten jener Beobachtungen zu vergleichen, nachzuforschen, ob ein grösserer Gehalt der Luft an Ozon einen beschleunigten, geringerer Gehalt einen langsamen Stoffwechsel bedingt u. s. w. u. s. w.—Leider fehlt es bis dahin an solchen Beobachtungen noch sehr, und namentlich für unsre Frage ist es zu bedauern, dass noch gar keine Untersuchungen über den Ozongehalt der Seeluft und den Unterschied desselben von dem der Continentalluft vorliegen. Um so mehr aber nur wandte ich auch diesem Verhältnisse meine Aufmerksamkeit zu, und so wenig ausreichend die Untersuchungen sind, sie dienen vielleicht dennoch dazu andere Beobachter zu einer eifrigen und ausführlichen Fortsetzung anzutreiben und im Allgemeinen nachzuweisen, dass der Ozongehalt der Seeluft allerdings ein beträchtlicher ist.—

Ich bediente mich zur Ermittelung desselben der Schönbein’schen Ozonometer (vom Buchbinder Bürgy in Basel bezogen)[31]. Dieselben lassen sehr Vieles zu wünschen übrig; sie geben nur sehr approximative Resultate; Herr Dr. v. Maack in Kiel wird sich darüber des Weitern im Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. II. Heft 1. auslassen. Allein in Ermangelung eines Bessern hielt ich dennoch eine Anwendung derselben für besser, als gar keine, und durch folgendes, stets gleichmässiges Verfahren musste ich wenigstens einen allgemeinen Aufschluss gewinnen. Jeden Morgen und jeden Abend um 8 Uhr wurden in einem nur nach unten offenen Kästchen, welches unmittelbar am Strande in einer Höhe von circa 6 Fuss über dem Erdboden aufgestellt war, 2 Ozonometer mit einer Nadel an einem Bande befestigt. Ein jedes derselben unterlag demnach 12 St. der Einwirkung der Luft. Nach Ablauf derselben wurden die Streifchen wieder gelöst, sofort in Wasser eingetaucht und nun mit der Ozon-Scala verglichen. Beide Streifen zeigten dann stets eine gleiche Färbung; die Bestimmung der Farbe selbst nach der Scala war aber oft schwer, da namentlich die hellern Farbentöne meistens eine röthliche Beimischung hatten, die sich auf der Scala durchaus nicht fand. Ich bestimmte den Grad in solchen Fällen so gut es möglich war, notirte sodann die Nummer der Scala, bemerkte zugleich, ob in den verwichenen Stunden ein stärkerer oder schwächerer Wind geweht hatte, fügte Temperatur[32] und besondere Witterungsangaben hinzu und gelangte damit zu folgenden Resultaten:

[31] Die Schönbein’schen Ozonometer bestehen aus einfachen Streifchen von Druckpapier, die getränkt sind mit einer Lösung von Jodkalium und Stärkekleister. Das Ozon hat die Eigenschaft, das Jodkalium zu zerlegen und jenachdem in Folge seiner Einwirkung mehr oder weniger Jod frei wird, nimmt der Papierstreifen, wenn man ihn in Wasser taucht, eine hellere oder dunklere blaue Färbung an. An einer den Ozonometern beigegebenen Ozon-Scala liest man dann die Nummer der Farbe ab und bestimmt darnach den höhern oder geringern Gehalt der Luft an Ozon.