Der schöne Abend lockte die Gesellschaft wieder in den Garten zurück. Man vertheilte sich paarweise, und Natalie blieb, nicht ganz unvorsätzlich, mit dem Fremden, der sich wieder zu ihr gefunden hatte, allein. Niemand verstand besser als sie, die Kunst, den mit äußrer Rohheit kämpfenden Geist im Gespräch von seinen Fesseln zu entbinden, und ihn zur klaren, selbstgenügenden, Ansicht seiner selbst zu führen. Mit der Sicherheit und der Unbefangenheit, die ihr ihre höhere Bildung in diesem Gespräch geben mußte, gieng sie in die Ideen ihres Gesellschafters ein, und leitete ihn, seine Gedanken mit einer Klarheit auszusprechen, die ihm als eigenes Verdienst erschien. Der gewaltige Eindruck, den sie auf den jungen Mann machte, entging ihr nicht; allein Voluda’s Bild, das heilig in ihrem Herzen ruhete, und keinen Götzen darin neben sich duldete, schützte sie vor der Unwürdigkeit, mit diesem Eindruck spielen zu wollen, und sie wünschte, dem jungen Manne, in dem Andenken dieses zufälligen Zusammentreffens, einen Keim zu hinterlassen, aus dem sich früher oder später, von freundlichen Händen gepflegt, der Glaube an Weibertugend und Weibergüte leichter zu entwickeln vermöge. Sie fühlte, daß es Gleichheit des Schicksals war, was sie zu ihm zog; getäuscht, hintergangen, um ihre Hoffnungen, um Liebe, Glaube, Glück betrogen, wie er, sah sie, wie in einem finstern Spiegel, ihre Vergangenheit, die ihr nicht bloß Schmerzen, auch Flecken, gegeben hatte, in der unharmonischen Leidenschaftlichkeit dieses Mannes, die früher wahrscheinlich auch nur gehaltvolle Sentimentalität war.

In den gewöhnlichen Irrthum leidenschaftlicher Menschen versunken, hielt sich der Fremde selbst für einen ausgebrannten Vulkan, und glaubte, ein Leben ohne Huld und Freude, wie das menschliche, könne nur durch den entschiedensten Stoicismus gewürdigt werden. Er zertrat daher und verachtete alle Freude, und der Schmerz schien ihm auch nur da zu seyn, um durch Gefühllosigkeit besiegt werden zu sollen. Natalie sah aber daß er, wie ein Metallguß, nur auf der Oberfläche erkaltet, in seinem Innern verzehrend fortglühe, und eben durch diese erkünstelte Kälte für die höchste, gewaltigste Leidenschaft immer empfänglicher werde, und sich ihr wahrscheinlich ohne Maas und Schranken hingeben werde, sobald ihm ein blumenübergrünter Abgrund erscheine.

Ein inniges Mitleiden mit ihm ergriff sie, das, verbunden mit der Achtung, welche sie der Energie eines solchen Gemüths nicht versagen konnte, zu milden, erhebenden Worten wurde, die sie, indem sie sie aussprach, selbst auf ihrem neuen Wege kräftigten. Sie führte ihn darauf hin, wie leicht man bei einer für das Große begeisterten Phantasie dahin komme, die kleinen stillen Tugenden zu verkennen, an die das Wohl des Einzelnen, wie des Ganzen, gebunden sey — wie man vorzüglich in der Jugend so geneigt sey, die Alltagspflichten unter die Füße zu treten, um dem Ideal eines moralischen Heroismus nachzustreben, dem die Vorsehung, neben tiefer Verworrenheit, seine Stelle angewiesen habe, damit der Contrast beider den frischen Lebensstrom der Menschheit vor dem Schlammichtwerden schütze. — Darum seyen aber nur wenige berufen, ihn zu üben; jeder hingegen könne in seinem Kreise das Schlechte meiden, das Beste wollen, und das Gute thun — und wer diesem Ziel mit Treue und festem, ernstem Willen nachstrebe, finde auch sicher die Straße des Friedens wieder, die im verworrnem Leben allein zum Heil führe. Sie sagte das alles ohne besondre Beziehung, wie im Allgemeinen, hin — aber sie fühlte sich verstanden in dem Feuer, mit dem er sie zur genauern Zergliederung ihrer Ideen leitete, als seyen sie ihm ein Licht auf dunklem, trostlosem Pfade.

Niemand fühlt den Beruf, Irrende zurecht zu weisen, lebhafter und inniger, als der, den eben eine schützende Hand auf den rechten Weg zurück führte, und der nun, nach herausgerissenem Unkraut, das Aufgehn des edlern Blumenflors in sich fühlt und pflegt. Was auf die menschliche Seele, in Fällen dieser Art, wirken soll, muß nie aus abstracten, allgemein gültigen moralischen Gesetzen, sondern aus individuellen Empfindungen hergenommen seyn. Diese theoretischen Principien sind gut und paßlich für die Stunden unbefangener Prüfung und ernsten Sammelns; sie können uns schützen, uns kräftigen, dem rechten Wege treu erhalten; aber nie werden sie vom unrechten zurückführen, weil in der Verirrung des Einzelnen fast immer so viel Eigenthümliches liegt, daß sie zur Ausnahme von der Regel wird, und der Verirrte sich außer dem Gesetz fühlt, das auf seine Lage keine Rücksicht nahm, und nehmen konnte.

Ach, unter allen Trauerstunden des Lebens schmerzt mich keine mehr, als die, wo der Mensch, der am Morgen seines Daseyns seinen Lauf, so voll edlen Muthes, so voll festen Willens, nur dem Edelsten nachstreben zu wollen, begann, tödtlich ermattet niedersinkt, und die Kraft verloren hat, sich selbst wieder aufzurichten gegen die Aurora, die um die bedeckte Erde, als Wiederschein des Geisterreichs, liegt. — Fordert nicht, ihr strenger Richter fremder Schwäche, von dem müden, durch Thränen verdunkelten Auge des Unglücklichen, daß es durch den finstern Nebel dringe, der ihm den ewig reinen, von jedem irrdischen Dunst unumwölkten, Himmel verbirgt. Grade den Besten unter uns saugt das Leben gern, wie ein Vampyr, das warme Herzblut aus, und treibt sie dann in den Irrgarten der Alltäglichkeit, wo man, der höheren Bedürfnisse der Menschheit uneingedenk, vom Leben nichts fordern darf, als Wohlseyn bei Speise und Trank und allem was dem Körper behagt! — Nicht der vom Blitz des Unglücks entseelte Mensch ist zu beklagen; aber wohl der durch denselben entstellte, dessen Fall nicht unwürdige Schwäche, sondern Verirrung der edelsten Kräfte war. Die Menge weiset ja allen Kampf von sich und vergaukelt an die allererbärmlichsten Armseeligkeiten ein Leben, dessen Gehalt sich, an unzerreißbaren Fäden, durch die ganze Stufenfolge unsers Daseyns fortspinnt. Die Mehrzahl der Besseren sieht dagegen auf ein freudenleeres Leben hin, auf das nur die negativen Tugenden der Geduld und der Resignation einen lichten Strahl werfen, und wahrlich, ich liebe und achte diese schönen, weichen Seelen, deren vorzüglich mein Geschlecht so viele hat, die ohne Freude und doch ohne Klage fromm und gelassen durch das Leben gehen — aber die Erde soll doch so wenig ein moralisches als ein physisches Siechhaus seyn! Das Ideal wahrer Menschenbildung ist Gesundheit der Seele und des Körpers, denn auch auf die letztre ward im geistigen Weltplan mitgerechnet. Nur ein freudiges Handeln bestimmt den wahren Werth des Menschen — und so ist die Geduld auch schon edler als Resignation; jene hat Hoffnung, diese nicht.

Wie viele aber von denen, die jetzt so hinschlendern, unbekümmert, ob ihre Seele im Blute wohne, oder nicht, waren auch einst voll Glauben, Liebe und Hoffnung! — Wie viele von ihnen würden nicht gerettet worden seyn, wenn wir uns untereinander zur Ermunterung und zum gemeinschaftlichen Fortgange auf gleichem Wege, treuer die Hand böten, oder die Verirrten williger an unser Herz zögen und schonend seine Wunden mit unserer Liebe bedeckten. — Nur zu oft aber, zu oft, stoßen wir ihn ganz hinunter, unbekümmert, ob nicht sein Herzblut den schlüpfrigen Pfad netze, den er, mit der letzten, verzweiflungsvollen Anstrengung seiner ersterbenden Kräfte, erklimmt, und von dem er zurückgleitet, weil keine Hand sich ausstreckte, ihn zu halten — Gott! ein Strohhalm könnte das oft, und doch ist man so taub gegen den Schrey der höchsten jammervollsten Seelenangst, mit der der Mensch um sein herrlichstes Kleinod, den Glauben an sich und die Menschen, ringt! —

O laßt uns lieber zehn Unwürdigen liebend und tröstend mit Warnung und Ermunterung an die Hand gehen, als einen Unglücklichen nicht beachten, der vielleicht nicht mehr den Muth hat, uns aufzusuchen, aber uns als seinen Schutzengel aufnimmt, wenn wir uns ihm nähern. Soll denn nur der Heißhunger körperlicher Bedürfnisse unser Mitleid, unsre Hülfe, ansprechen? — Ist es denn nicht unendlich mehr werth, den edleren Theil eines Menschen zu retten? — und was ist aller körperlicher Schmerz, alles übrige Weh der Erde, gegen die im Vergehen noch aufzuckende Seelenangst, mit der man sich täglich tiefer sinken fühlt, ohne eigne Kraft, diesem Versinken entgegen arbeiten zu können? —

Ja, es ist schrecklich, aber wahr: der Mensch kann so weit kommen, sich selbst aufzugeben! — Er kann das; aber kein andrer darf es; denn, wie kann das, was göttlichen Ursprungs ist, vernichtet werden in einer Seele, deren Leben eben dies Göttliche ist? wie dürfte der Mensch den Menschen je verloren geben? —

Und wenn nun so ein Unglücklicher stumm und entstellt unter uns wandelt, und vergebens nach einem Auge spähet, das ihn tröstend anblicke, nach einem Laut, der ihn kräftige, einer Hand, deren Druck ihm leise sage: vertraue — wollt ihr ihn den steinigen, weil er, von allen verlassen, sich selbst verläßt? — Stumm und schweigend wird er unter euren Würfen zu Boden sinken; aber wer nicht begreift, was er leidet, begreift auch nicht den unendlichen Jammer dessen,

„Der sich Menschenhaß aus der Fülle der Liebe trank! —“