Wenn ich nicht irre, sagte Julie endlich mit muthwilligem Ton zu ihrem Freunde, so habe ich vorhin am Bassin Ihren Weiberhasser wandeln gesehen, dessen Gesang Sie mir so oft gerühmt haben — wie wäre es, wenn Sie den Versuch machten, ihn herzuführen, und zu sehen, ob er Muth genug hat, einem halben Dutzend Mädchen unter die Augen zu treten?
Ich will mein Glück versuchen, antwortete der junge Mann lächelnd, und hoffe das Beste; denn wahrlich, Cousinchen, weiberscheu ist er nicht.
Natalie fragte Julien, von wem die Rede sey? — So recht weiß ich es selbst nicht, es ist ein Jugendfreund A...s, der sich seit einigen Tagen hier aufhält, und, nach allem was ich von ihm gehört habe, ein sehr genialischer Mensch, den der empörende Unwerth einer von ihm vergötterten Frau zum entschiedendsten Weiberhasser gemacht hat. Doch wahrlich, da kommt er mit A.... gegangen — nur einen Blick, liebe Natalie, — welch interessantes Gesicht! — wer sollte glauben, daß dieser blühende, jugendliche Mann so bitter mit unserm Geschlecht zerfallen ist! —
Natalie sah auf, und ihr Auge traf auf ein dunkles, leidenschaftlich glühendes Augenpaar, das seinen Blick, wie überrascht, von ihr wegsenkte, und es dann nicht der Mühe werth zu finden schien, die übrige Gesellschaft auch nur mit einem Blick zu überfliegen. A.... stellte ihn seiner Braut vor, die er mit einigen artigen, aber im gleichgültigsten Ton gesetzten, Worten begrüßte. Da es in die Augen fiel, daß man eben musizirt hatte, wandte sich das Gespräch schnell darauf, und alle vereinigten sich zu der Bitte an den Fremden, das eine wunderschöne Duett zu singen, das keiner aus der Gesellschaft sich vorzutragen getraue. Natalie allein saß stumm und von der Gesellschaft abgewandt am Flügel, und ihr feines, geübtes Ohr unterschied in den Antworten und in der Weigerung des Fremden, der nun erst erfuhr, warum er hierher gelockt worden war, seinen beleidigten Stolz, und einen Ton, dessen Modulation den Mangel feiner gesellschaftlicher Bildung verrieth; so wie die Wahl seiner Ausdrücke, dagegen auf Geist und Lektüre deutete. Selbst die Nachlässigkeit seines Benehmens gegen die bittenden Mädchen wäre durch einen geübtern Takt für das gesellige Verhältniß der höhern Stände gemildert und verkleidet worden. Doch eben dieser sonderbare Contrast der Sprache und des Benehmens zog sie an, und sie fühlte unmuthig, daß mehr Gewandtheit, als der Fremde besitze, dazu gehöre, um nach so langem Widerstand mit Anstand nachzugeben, und sie wünschte doch so sehr, ihn singen zu hören. Schnell riß sie alle Züge des Flügels auf — ein rauschendes Allegro störte die Musik, und mit unnachahmlichem Blick und Ton, mit unwiderstehlicher Grazie und der seltsamsten Mischung von Bitte, Befehl und Frage wandte sie sich nach ihm um: — Sie singen!
Sichtbar betroffen trat er ihr mit einer stummen, bejahenden Verbeugung näher. Daß er mit ihr, deren Blick ihn bei seinem Eintritt so milde entgegen strahlte, singen sollte, hatte er ja noch nicht gewußt. Mit dankendem, ausdrucksvollem Blicke gab sie ihm nun seine Stimme — er durchlief sie und senkte sein Auge zweifelnd zu ihr herab — aber sie sah ja so freundlich aufmunternd zu ihm hinauf — sie verständigte sich so hold mit ihm über einige der schwersten Passagen — sonderbar, daß er gar keine Worte finden konnte, mit ihr zu reden — er fürchtete, dies könne ihr als Unart erscheinen — als ob in irgend einer Sprache etwas Ausdrucksvolleres gesagt werden könnte, als für Natalien in diesem, stummen Gehorsam, dieser beklommenen Befangenheit lag! — Oft hatte sie beim ersten Anblick gefallen — und welchem Weibe entgeht dieser Eindruck? — aber die, denen sie gefiel, wußten immer eben so schnell, und oft noch früher als sie, um diesen Eindruck, und suchten dann sehr angelegentlich, sie auch damit bekannt zu machen. Hier aber stand sie, wie sie fühlte, einem Gemüth gegenüber, das sich selbst in dem empfangenen Eindruck nicht verstand, und die Neuheit dieser Erscheinung verdoppelte das Interesse, das die Beiwörter, unglücklich, genialisch, — diese wahren Talismane für Weiber, in ihr geweckt hatten.
Sie sang — mit so seelenvollem, dem innersten Herzen sich entreißendem Ausdruck hatte sie nie gesungen — und sie fühlte in seinem Gesang, wie sie ihn allmählig mit sich fortriß, er alle Umgebungen vergaß, und sich von diesen Tönen zu irgend einem goldnen, geheimnißvollen Feenlande fortziehen ließ. — Jetzt endete sie; sie stand auf, dankte ihm mit einer Verbeugung, und ließ ihn, wie träumend, am Instrumente zurück. Noch immer hörte er sie in Syrenentönen singen:
All’ eccesso del contento
Sento il core in tale istante
Anelante
Palpitar.