Natalien wurde in ihrer Mitte, als wenn sie nach langem, langem Umherirren in der Fremde, endlich die geliebte Heimath wieder vor sich dämmern sähe, und sie erschien ihnen gegenüber, unwillkührlich stiller und einfacher, als sie seit Jahren gewesen war. Der schöne Geist ihrer frommen Jugend kehrte ihr segnend zurück, und beglückte durch seine Rückkehr eine reinere, festere Seele, als er einst durch sein Scheiden betrübte. Sie war unbeschreiblich sanft und wohlthätig bewegt, und ihr sonst so stolzer Geist beugte sich voll ehrfurchtsvoller Demuth vor Mariens anspruchlosen Werth, deren Herz sich liebend dem ihren entgegen neigte, und der man so hell die Freude ansah, ihren Karl einem Wesen gegenüber zu sehen, dem er so gerührt und begeistert von seinen theuersten Gefühlen und Ideen sprach. Sie mischte sich mit Elisen unter die übrige Gesellschaft und ließ ihren Gatten und Natalien, im ernsten Gespräch vertieft, am fernsten Fenster zurück. Doch liebend kehrte sie oft, mit ihren hellen, klaren Blicken, zu ihnen zurück, oder trat schweigend einen Augenblick zu ihnen, ihre Hand zu drücken.
Willot war einer der Glücklichen, dem das Schicksal schon in früher Jugend einen großen Menschen für sein Herz, und einen geliebten schönen Zweck für sein Leben geschenkt hatte, und der, von diesen Schutzgeistern geleitet, die Bürgschaft ewiger Jugend in sich trug. Die Begeisterung für seine Kunst, die er Natalien zeigen durfte, weil sie sie mit ihm theilte, entriß, in seinem Gespräch mit ihr, seiner Feuerseele den Schleier, und er zeigte ihr den Himmelstempel und den Altar, den er darin für seinen Freund, Moritz Voluda, errichtet hatte.
O wie wurde sie erschüttert — erweicht — aufgeregt zu Flammen edler Begeisterung, als er ihren alten himmlischen Traum von Freundschaft ihr lebendig verwirklicht vorführte, und sie die Flügel ihrer entflohenen Ideale wieder rauschen, ihre Götterbilder die Hülle von sich werfen, und in ewig frischer Jugend und Schönheit in ihr Herz wieder einziehen fühlte! — So hatte sie noch nie jemand geehrt, als, nach dieser Stunde, den edlen Menschen, den ihr Willot in großen festen Umrissen zeichnete, wie er, in seiner höhern Reinheit, in seinem edlern Ernst, seiner erhabenen Festigkeit und der göttlichen Milde des liebevollsten aller Herzen, mit ihm, als der ewige Bruder seiner Seele, durch ein Leben gehe, das beiden geheiligt ward durch diese Freundschaft.
Voluda hatte das Leben in seiner höchsten Lust, in seinem höchsten Schmerz, kennen gelernt; aber eben aus dem tiefen Leid dieses Wechsels war ihm eine Harmonie beider geworden, die ihm jetzt das Leben frei, den Tod schön machte. Eine höhere Tugend, als gewöhnliche Menschen zu fassen vermögen, gab ihm für alle Erscheinungen der Zeit unerschütterlichen Muth, unerschütterlichen Glauben. Seine Seele voll unendlicher Liebe ordnete alle, durch den Geist getrennte, Theile des Irrdischen, wieder zu einem Ganzen, für das sein Herz die Freudigkeit des Wirkens, Hoffens und Glaubens bewahrte, und nie genoß ein Mann einer schönern Einheit des innern und äußern Lebens, als Er. Jahrelang hatte er mit einer Liebe, wie sie nur ein so großes energisches Gemüth zu empfinden vermag, an einem schönen, holden Mädchen gehangen, dem ein seltnes Schicksal eine seltene Bildung gab, welche sie in einer oft verkannten Originalität von ihrem Geschlecht absonderte und sie auf einen Standpunkte stellte, der sie vielen unfreundlichen Blicken preisgab. Seine Treue, seine Festigkeit, seine Liebe, besiegten alle Hindernisse; sie ward endlich sein Weib, machte glücklich, war glücklich — und jetzt stand er an ihrer Bahre, und neben ihm wimmerte sein Erstgeborner, dem sie mit ihrem Tode Leben erkaufte. —
Und in diesen Stunden des allerheiligsten Schmerzes sah ihn Natalie jetzt, und die Worte, mit denen die Seele des Freundes ihn ihr darin schilderten, gewannen sie Voluda’n auf ewig. Ihrer Rührung, und der nie empfundene Erweichung ihres Herzens, nicht länger mächtig, reichte sie Willot schweigend die Hand, und entwich in den Garten. Hier sank sie, mit Thränen, die die Schuld einer trüben Vergangenheit von dem wunden Herzen, der beklemmten Seele, nahmen, und strömten, als ob sie nie wieder versiegen könnten, nieder, und dankte Gott — inniger hat ihm nie ein sterbliches Wesen gedankt — daß er sie gerettet habe — sie geschützt habe, im reichen Leben zu verschmachten, wie der Schiffer auf der weiten Wasserfläche oft durstend verschmachtet. Was sie empfand, vermochte sie sich selbst nicht zu deuten. Sie fühlte aber in sich das Erblühen eines neuen Lebens, und flehte zu Gott, sie für dasselbe zu heiligen und dann verstummte sie, und nur ihre Thränen waren noch Gebet.
Wiedergeboren, getauft mit seinem Geist, seiner Liebe, kam sie, wie verklärt, zur Gesellschaft zurück. Und wenn sein Name nie wieder vor ihr genannt worden, kein Laut von ihm je zu ihr gedrungen wäre: sie wäre doch sein geblieben auf ewig. —
O, da es eine Liebe giebt, die zu ihrem Daseyn nichts bedarf, als das Bild des Geliebten, die ohne Hoffnung, ohne Wunsch, in seeliger Stille, nichts fordert, als dies Erkennen fremder Trefflichkeit: so laßt uns nicht zweifeln, daß wir, Pilgrimme hinieden, das Bürgerrecht in einer schöneren Welt besitzen. —
Natalie nahm, bei der Rückreise, Willot und Marien mit in ihren Wagen, und sie gewannen sich gegenseitig immer lieber. Willot, der das Gute und Schöne, wo es ihm erschien, enthusiastisch und im Colorit einer dichterischen Phantasie auffaßte, und dem sein edler Freund unvergänglichen Glauben an die Würde der menschlichen Natur gegeben hatte, besaß das himmlische Vermögen, einem Menschen, ungestört vom leisesten Zweifel der Erfahrung oder des Mißtrauns, unbedingt vertrauen zu können. Er gab sich hin, ehe noch Zeit und Prüfung die Ahndung des fremden Werthes zur Einsicht erhoben hatten, und Natalie war dieses Vertrauens, das sie ihm gegenüber wieder fand, werth. Unzertrennlich für die wenigen noch übrigen Tage ihres Aufenthalts, fanden sie sich mehr und mehr in gleichen Ansichten, Ideen und Empfindungen zusammen. Dann schieden sie — wehmüthig, aber ohne Schmerz, da jeder in seinem eignen Herzen die Bürgschaft trug, von dem andern unvergessen zu bleiben.
Ihr Vater, der seine täglich zunehmende Schwäche fühlte, und kaum den Frühling zu erleben hoffen durfte, wünschte seine Vermögensumstände in Ordnung zu bringen. Sein Gut fiel, nach seinem Tode, an einige ihm fast ganz fremde Lehnsvettern, mit denen er mündlich Abrede zu nehmen wünschte, um seine Töchter in der Zukunft gegen die habsüchtige Einmischung der übelberüchtigten Advokaten seines Vaterlandes zu schützen. Er machte daher auf der Rückreise von Doberan einen Umweg über Lübeck, den Wohnort seiner Lehnsvettern, und fand in ihnen ein paar sehr brave, gescheute Männer, die ihn mit zuvorkommender Artigkeit aufnahmen, und alles aufboten, ihm und seinen Töchtern den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Man hatte Sinn genug, dies nicht durch das Zusammenbitten einer großen, steifen Gesellschaft, sondern durch kleine von Traulichkeit und Scherz beseelte, Zirkel erreichen zu wollen. Die schöne Jahreszeit begünstigte die Streifereien in die umliegende Gegend, die Natalie sichtlich jedem andern Vergnügen vorzog, und Musik und Tanz beschlossen gewöhnlich den Abend. Nataliens Gesang trug nicht wenig zur Verschönerung dieser Abende bei, und man bewunderte die Reinheit und den seltnen Umfang ihrer Stimme eben so sehr, als die Fertigkeit und Sicherheit, mit der sie schwere, ihr ganz fremde, Sachen vortrug.
Den Abend vor ihrer Abreise brachten sie in dem Garten des einen Vetters zu, der allen seinen Bekannten zu jeder Tageszeit offen stand. Auch heute waren mehrere, nicht zur geschlossenen Gesellschaft gehörende, Personen darin; diese versammelten sich gegen Abend in dem Gartensaal, wo Julie, die Tochter des Hauses, Natalie, Elise, und mehrere der anwesenden jungen Mädchen sich in Gesang und Spiel der Guitarre und des Pianofortes ablöseten. Ein, aus der Stadt nachkommender, Bedienter, brachte die eben mit der Post angekommenen Briefe, und unter diesen ein Packet schöner neuer Musikalien für Julien mit. Neugierig eröffnete man es gleich, fand aber leider lauter Duetts, die, Natalien ausgenommen, keiner von der Gesellschaft sich getrauen durfte, vom Blatte weg vorzutragen. A...., Juliens Verlobter, der sehr angenehm sang, und dadurch wahrscheinlich die Wahl dieser Singstücke veranlaßt hatte, nahm die Stimme, aber schon nach ersten Blick darauf legte er sie nieder, und erklärte die Unmöglichkeit, sie uneingeübt singen zu können. Natalie hatte während dieser Zeit die ihrigen nachgesehen und das Accompagnement durchgespielt. Es wehte ihr aus diesen Compositionen eine so liebliche Melodie, eine so reiche Harmonie, entgegen, daß sie den Wunsch lebhaft äußerte, es möge sich jemand finden, der die zweite Stimme singen wolle und könne — doch vergeblich! —